Die Strompreise in Deutschland werden bis 2035 nicht einfach linear steigen oder fallen. Wer die Strompreisentwicklung bis 2035 verstehen will, muss vor allem drei Dinge zusammendenken: Erzeugung, Netze und Nachfrage. Genau darum geht es hier, mit einer aktuellen Einordnung für Deutschland und mit Blick darauf, was das für Haushalte, Vermieter und Betriebe praktisch bedeutet.
Die Richtung ist offen, die wichtigsten Kostentreiber sind aber klar
- 2026 liegt der durchschnittliche Haushaltsstrompreis in Deutschland bei 37,0 ct/kWh; gesunkene Netzentgelte dämpfen die Rechnung nur vorübergehend.
- Wind- und Solarstrom werden weiter günstiger, aber das senkt nur einen Teil der Endpreise.
- Netze, Netzentgelte und Flexibilität entscheiden bis 2035 stärker über die Rechnung als der reine Erzeugungspreis.
- Ohne strukturelle Reformen rechnen aktuelle Analysen mit spürbarem Kostendruck bis 2035.
- Wer Lasten verschieben kann, profitiert eher als Nutzer mit starren Verbrauchsprofilen.
Warum die Stromrechnung und der Börsenpreis auseinanderlaufen
Ich lese die Lage so: Der Börsenpreis ist nur ein Teil des Puzzles. Für Endkunden kommen Beschaffung, Netzentgelte und staatliche Bestandteile zusammen, und genau diese Mischung macht die Prognose bis 2035 schwierig.
Die BDEW-Strompreisanalyse weist für 2026 bislang einen durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von 37,0 ct/kWh aus. Davon entfallen 15,2 ct/kWh auf Beschaffung und Vertrieb, 9,3 ct/kWh auf Netzentgelte sowie 12,6 ct/kWh auf Steuern, Abgaben und Umlagen. Für die Einordnung ist wichtig: Der Endpreis reagiert nicht eins zu eins auf sinkende Großhandelspreise, weil ein großer Teil der Rechnung reguliert oder politisch geprägt ist.
| Bestandteil | 2026 | Bedeutung bis 2035 |
|---|---|---|
| Beschaffung und Vertrieb | 15,2 ct/kWh | Kann durch günstigere Erzeugung sinken, bleibt aber marktgetrieben und volatil. |
| Netzentgelte | 9,3 ct/kWh | Bleiben der empfindlichste Hebel, weil Netzausbau und Systemstabilität Geld kosten. |
| Steuern, Abgaben, Umlagen | 12,6 ct/kWh | Verändern sich politisch, also eher in Sprüngen als in sanften Kurven. |
Darum lohnt es sich, die Entwicklung nicht als reine Strompreisfrage, sondern als Systemfrage zu betrachten. Genau an diesem Punkt wird sichtbar, warum günstigerer Wind- und Solarstrom nicht automatisch bei jedem Haushalt ankommt.
Billigerer Strom aus Wind und Sonne hebt nicht automatisch die Rechnung
Die eigentliche Entlastung entsteht dort, wo neue Erzeugung die teuren Fossilen im Markt verdrängt. In der Fachsprache nennt man das den Merit-Order-Effekt: Strom aus Wind und Sonne hat sehr niedrige Grenzkosten, deshalb drückt er in vielen Stunden den Börsenpreis. Aber dieser Effekt ist nur dann stark, wenn genug Netzkapazität, Speicher und steuerbare Nachfrage vorhanden sind.
Eine aktuelle Analyse zu Stromgestehungskosten zeigt, wie groß der Kostenvorsprung erneuerbarer Neubauten bis 2035 bleibt. Für PV-Freiflächenanlagen und große Aufdachanlagen werden in der Prognose für 2035 Stromgestehungskosten von rund 3,7 bis 7,6 ct/kWh ausgewiesen; Onshore-Wind liegt je nach Standort in einer ähnlichen Größenordnung. Gleichzeitig bleiben wasserstoffbasierte Gaskraftwerke in derselben Rechnung mit 30,5 bis 49,8 ct/kWh deutlich teurer. Genau deshalb wird der Mix aus billigem Strom und teurer Reserve zum Kern der Preisfrage.
- Wind und Sonne senken die Erzeugungskosten im Durchschnitt.
- Speicher und Lastverschiebung werden wertvoller, weil sie günstige Stunden nutzbar machen.
- Reservekraftwerke bleiben teuer und prägen die Rechnung in knappen Stunden.
Mein praktischer Schluss daraus ist simpel: Der reine Erzeugungspreis kann sinken, während die Endrechnung trotzdem nur langsam nachgibt. Sobald die Netze und die Flexibilität nicht mithalten, frisst das System einen Teil der Einsparung wieder auf, und genau dort werden Netze zum Preisschlüssel.
Warum Netze und Netzentgelte bis 2035 der härteste Brocken bleiben
Hier liegt aus meiner Sicht der wichtigste Hebel der nächsten Jahre. Der Netzausbau ist notwendig, weil Strom dort erzeugt wird, wo Sonne und Wind stehen, und dort verbraucht wird, wo Haushalte, Industrie und Ladeinfrastruktur sitzen. Diese Verlagerung ist teuer, und die Kosten landen über die Netzentgelte auf der Rechnung.
Die Bundesnetzagentur hat bereits begonnen, die Kosten regional anders zu verteilen, damit Gebiete mit viel erneuerbarer Einspeisung entlastet werden. Das hilft zwar dort, wo der Ausbau besonders stark war, aber es verschiebt einen Teil der Last auf alle Stromverbraucher. Parallel dazu skizziert die Behörde dynamische Netzentgelte: für Speicher frühestens 2030, für Einspeiser frühestens 2032 und möglichst bis 2035. Das ist ein ziemlich klares Signal, dass Flexibilität im Stromsystem künftig belohnt und nicht nur technisch gewünscht wird.Ein aktuelles Netzgutachten rechnet unter heutigen Finanzierungsstrukturen mit im Schnitt knapp 30 Prozent höheren Netzentgelten und netzfinanzierenden Umlagen bis 2035. Ich würde diese Zahl nicht als exakte Vorhersage lesen, aber als ehrliche Warnung: Ohne Reformen bleibt das Netz der Teil der Stromrechnung, der am stärksten nach oben zieht.
| Hebel | Wirkung bis 2035 | Praktische Folge |
|---|---|---|
| Bundeszuschuss | kurzfristig dämpfend | Ein Standardhaushalt mit 3.500 kWh kann rechnerisch etwa 100 Euro sparen. |
| Regionale Verteilung | glättet Unterschiede | Wind- und Solarregionen werden entlastet, andere zahlen einen Teil mit. |
| Dynamische Netzentgelte | belohnen steuerbares Verhalten | Speicher, Ladepunkte und andere flexible Verbraucher können profitieren. |
| Netzausbau | strukturell teuer | Bleibt bis 2035 ein Preistreiber, wenn er nicht politisch abgefedert wird. |
Wie stark das durchschlägt, zeigt sich am besten in konkreten Szenarien. Genau da wird sichtbar, ob Deutschland die steigenden Systemkosten auf viele Kilowattstunden verteilt oder intelligenter organisiert.
Drei plausible Pfade für die Strompreise bis 2035
Ich würde für 2035 mit realen Preisen rechnen, also inflationsbereinigt. Nominal liegen die Beträge später höher, aber für die Frage, ob Strom im Alltag spürbar bezahlbarer wird, sind reale Werte aussagekräftiger.
| Szenario | Was dafür passieren muss | Haushaltsstrom 2035 | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Angepasster Ausbau | Netze, Ausbau und Nachfrage werden besser aufeinander abgestimmt; Kosten werden stärker abgefedert. | 36 bis 38 ct/kWh | Das ist die greifbarste Zahl aus einer aktuellen Nachfrageanalyse. |
| Mittelpfad | Entlastungen greifen teilweise, aber der Kostendruck durch Netze bleibt deutlich spürbar. | etwa 40 bis 44 ct/kWh | Meine Einordnung zwischen den beiden Studienpfaden. |
| Kostendruck-Pfad | Ausbau bleibt teuer und wird auf relativ wenig Verbrauch umgelegt. | rund 47 bis 49 ct/kWh | Das entspricht ungefähr 30 Prozent über dem entlasteten Pfad. |
Eine Nachfrageanalyse für Deutschland kommt zu dem Schluss, dass die Nettostromnachfrage 2035 je nach Elektrifizierung nur bei etwa 635 bis 805 TWh liegen könnte, während die regulatorische Planung teils deutlich höhere Werte unterstellt. Genau diese Lücke ist entscheidend: Werden Erzeugungs- und Netzinvestitionen auf zu viel Nachfrage ausgelegt, verteilen sich die Kosten auf weniger Kilowattstunden und der Preis steigt schneller. Bei einer Anpassung an den moderateren Pfad könnten die Gesamtsysteminvestitionen bis 2035 um 310 bis 350 Milliarden Euro niedriger ausfallen.
Die wichtigste Botschaft ist deshalb nicht, dass ein exakter Preis sicher wäre. Die Botschaft ist, dass die Bandbreite groß bleibt und die Politik mit Netzentgelten, Investitionsplanung und Flexibilitätsanreizen den Unterschied zwischen einem stabilen und einem teuren Pfad macht.
Was Haushalte, Vermieter und Unternehmen jetzt konkret tun können
Ich würde 2035 nicht mit einer Wette auf einen exakten Preis angehen, sondern mit Maßnahmen, die unabhängig vom Szenario wirken. Der Fehler vieler Verbraucher ist, nur auf den Arbeitspreis zu schauen. Mindestens genauso wichtig sind Grundpreis, Laufzeit, Preisgarantie, Netzgebiet und die Frage, ob der eigene Verbrauch verschiebbar ist.
Für Haushalte
- Tarife prüfen, vor allem Grundpreis und Preisgarantie.
- Bei Wärmepumpe, Wallbox oder Speicher auf dynamische Tarife achten, wenn Lasten verschiebbar sind.
- Effizienzmaßnahmen priorisieren, weil jede eingesparte kWh auch Netzentgelte und Abgaben spart.
- Bei Dachfläche PV plus Speicher prüfen, aber nur mit realistischem Ertrags- und Nutzungsprofil.
Der letzte Punkt lohnt sich vor allem dann, wenn tagsüber Strom gebraucht wird. Ohne Lastverschiebung wird auch eine gute Anlage wirtschaftlich schwächer.
Für Vermieter und WEGs
- Messkonzepte sauber planen, damit Ladepunkte und Wärmepumpen korrekt abgerechnet werden.
- Bei Sanierungen nicht nur Heizkosten, sondern auch elektrische Lastspitzen mitdenken.
- Für Mieterstrom oder gemeinschaftliche PV nur Projekte wählen, die administrativ schlank bleiben.
Gerade in Mehrparteienhäusern entscheidet oft nicht die Technik, sondern die Abrechnung darüber, ob ein Projekt am Ende wirklich genutzt wird.
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Für Unternehmen
- Lastmanagement einführen, um teure Spitzen zu vermeiden.
- Langfristige Direktstromverträge prüfen, wenn der Verbrauch planbar ist.
- Standorte und Anschlussbedingungen früh prüfen, weil Netzanschlüsse bis 2035 häufiger zum Engpass werden.
- Speicher dort einsetzen, wo sie Netzentgelte oder Leistungspreise wirklich senken.
Wer flexibel ist, hat auch mehr Verhandlungsmacht. Und wer seine Lasten gut kennt, kann sich heute schon gegen einen Teil des künftigen Kostendrucks absichern.
Am Ende zählt die Systemarchitektur mehr als der Börsenpreis
Wenn ich die Entwicklung nüchtern zusammenfasse, dann bleibt Strom in Deutschland bis 2035 kein Billigprodukt, aber er muss auch nicht zwangsläufig weiter aus dem Ruder laufen. Der günstigere Anteil kommt aus Wind und Sonne; der teurere Teil sitzt in Netzen, Reserve, Regulatorik und in der Frage, wie flexibel Nachfrage und Speicher mitziehen.
Für Leser heißt das: Nicht auf eine einzelne Zielzahl starren, sondern auf die Mechanik dahinter. Wer die eigene Last flexibilisieren kann, ist im Vorteil. Wer Gebäude, Verträge oder Investitionen plant, sollte Netzgebiet, Lade- und Heizprofile und mögliche Entlastungen von Anfang an mitdenken. Genau dort entscheidet sich die Entwicklung der Strompreise bis 2035 am Ende stärker als an der Börsentafel.