Die wichtigsten Zahlen im Überblick
- Je nach Definition kommen in Deutschland mehrere Dunkelflauten pro Jahr vor, aber die Zählweise entscheidet stark über das Ergebnis.
- Langfristige Studien nennen für Deutschland etwa zwei Phasen pro Jahr mit mehr als 48 Stunden schwachem Wind und wenig Sonne; strengere Schwellen liefern andere Werte.
- Die jüngsten Wetterdaten zeigen bisher keinen klaren Anstieg solcher Ereignisse durch den Klimawandel.
- 2024 war meteorologisch eher ein durchschnittliches Windjahr und zugleich ein sehr sonnenreiches Jahr.
- Für die Versorgung zählt nicht nur Erzeugung, sondern auch Flexibilität: Netze, Speicher, Lastverschiebung und regelbare Kraftwerke.
Was bei Dunkelflauten überhaupt gemessen wird
Wer die Statistik ernst nimmt, muss zuerst die Kennzahl verstehen. Eine Dunkelflaute kann als Zeitraum mit sehr geringer Wind- und Solarproduktion, als Phase mit hoher Residuallast oder als Ereignis unter einem festen Prozent-Schwellenwert definiert werden. Residuallast ist dabei der Strombedarf, der nach Abzug der Einspeisung aus Wind und Sonne noch übrig bleibt. Genau diese Restlast entscheidet am Ende, wie viel flexibler Strom im System noch gebraucht wird.
Ich halte einen Vergleich der gängigen Messlogiken für hilfreicher als eine abstrakte Definition allein. Die folgende Einordnung zeigt, warum zwei Studien zum selben Wetterbild zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.
| Kennzahl | Was sie misst | Was man daraus lesen kann |
|---|---|---|
| Wind- und Solaranteil unter einem Schwellenwert | Stunden oder Tage mit sehr geringer Erzeugung aus beiden Quellen | Gut für kurze Wetterereignisse, aber stark abhängig vom gewählten Grenzwert |
| Residuallast | Strombedarf nach Abzug von Wind und Sonne | Zeigt, wie viel regelbare Leistung das System wirklich braucht |
| Kapazitätsfaktor | Erzeugung im Verhältnis zur installierten Leistung | Vergleichbar zwischen Technologien, aber allein kein Beleg für Versorgungsknappheit |
Der entscheidende Punkt ist einfach: Je strenger der Schwellenwert, desto seltener, aber oft auch kürzer fallen Dunkelflauten aus. Wer das übersieht, vergleicht sehr unterschiedliche Aussagen. Deshalb ist die nächste Frage nicht „gibt es Dunkelflauten?“, sondern „wie häufig und wie relevant sind sie im deutschen Stromsystem?“
Wie oft solche Phasen in Deutschland vorkommen
Für Deutschland zeigen ältere, aber weiterhin viel zitierte Auswertungen ein klares Muster: Mehrtägige Schwächen von Wind und Sonne sind kein Ausnahmezustand, aber auch keine Dauerlage. Eine Studie zur Residuallast kam für den Zeitraum 2006 bis 2016 auf zweiwöchige Phasen mit mehr als 70 GW im Schnitt etwa alle zwei Jahre. Andere Analysen, die mit Prozent-Schwellen arbeiten, zählen eher mehrere kürzere Ereignisse pro Jahr, teils fünf bis zehn Phasen über 24 Stunden.
Die Spannbreite ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis auf die Methode. Wer 24 Stunden betrachtet, findet mehr Ereignisse als jemand, der nur Phasen über 48 Stunden oder über mehrere Tage zählt. Wer mit 20 Prozent statt 10 Prozent rechnet, bekommt ebenfalls andere Ergebnisse. Für die Praxis ist deshalb nicht nur die Häufigkeit wichtig, sondern auch die Dauer und die Frage, ob das Ereignis regional oder großräumig auftritt.
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Warum kalte Dunkelflauten schwerer wiegen
Besonders kritisch wird es, wenn geringe Erzeugung mit niedrigen Temperaturen zusammenfällt. Dann steigt der Verbrauch durch Heizung, Industrie und Haushalte gleichzeitig an. Eine kalte Dunkelflaute ist deshalb energiewirtschaftlich anspruchsvoller als ein milder grauer Wintertag: Das Problem ist nicht nur die fehlende Einspeisung, sondern die höhere Last genau dann, wenn das Angebot knapp ist.
Das ist der Grund, warum ich bei der Bewertung nie nur auf die Wetterlage schaue, sondern immer auch auf die Lastseite. Für die aktuelle Einordnung sind deshalb die neuesten meteorologischen Daten wichtiger als Schlagworte.
Was die aktuellen Daten für 2024 und 2025 sagen
Der DWD kommt für 2024 auf eine deutschlandweit gemittelte Windgeschwindigkeit von rund 5,7 m/s in 100 Metern Höhe. Gleichzeitig war das Jahr mit 1112 kWh/m² Globalstrahlung sehr sonnig. Das spricht nicht für eine dauerhafte Verschlechterung der meteorologischen Ausgangslage, sondern eher dafür, dass Wind und Sonne im Jahreslauf weiterhin unterschiedlich stark wirken und sich saisonal ergänzen.
Bei der öffentlichen Nettostromerzeugung lag der Anteil erneuerbarer Energien 2024 bei knapp 63 Prozent; beim Stromverbrauch fällt der Wert wegen anderer Abgrenzungen etwas anders aus. Genau diese Unterscheidung ist wichtig, weil viele Debatten Zahlen vermischen, die nicht direkt vergleichbar sind.
Wichtig ist für mich vor allem ein zweiter Befund: Bisher ist kein klarer Zuwachs an Dunkelflauten durch den Klimawandel zu erkennen. Das heißt nicht, dass solche Phasen verschwinden. Es heißt nur, dass die jüngsten Auswertungen bislang keinen belastbaren Trend nach oben zeigen. Für eine nüchterne Debatte ist das ein großer Unterschied.
Auch die jüngsten Beispiele aus 2025 sind eher ein Hinweis auf Wettervariabilität als auf ein strukturelles Versorgungsloch. Windschwache Phasen im Winter trieben zwar die Preise an der Börse kurzfristig nach oben, aber daraus wurde keine Versorgungslücke. Genau an dieser Stelle trennt sich die öffentliche Debatte oft von der technischen Realität.
Warum eine Dunkelflaute kein Blackout ist
Die Bundesnetzagentur verweist darauf, dass die deutsche Stromversorgung 2024 im Durchschnitt nur 11,7 Minuten je Letztverbraucher nicht verfügbar war. Das ist ein sehr niedriger Wert und zeigt, dass selbst ein wetterabhängigeres Stromsystem nicht automatisch instabil wird. Ein Blackout entsteht nicht aus dem bloßen Umstand, dass Wind und Sonne zeitweise schwach sind, sondern aus einer Kette von Fehlsteuerungen, Netzproblemen oder seltenen Extremereignissen.
Hinzu kommt: Nicht jede Knappheit im Börsenhandel ist ein Problem für Haushalte. Kurzfristige Wetterlagen können den Großhandelsstrompreis stark bewegen, während normale Endkundenverträge davon oft wenig direkt spüren. Genau deshalb sollte man Preisspitzen ernst nehmen, aber nicht mit Versorgungsausfall verwechseln.
Im europäischen Verbund spielt außerdem der Stromhandel eine wichtige Rolle. Deutschland importiert nicht einfach deshalb Strom, weil das System „versagt“, sondern oft, weil er im Ausland gerade günstiger ist. Das ist ökonomisch normal und hilft, wetterbedingte Schwankungen abzufedern. Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Importe vorkommen, sondern ob sie in einem knappen Moment noch verlässlich möglich sind.
Damit ist die Basis klar: Dunkelflauten sind ein Planungs- und Flexibilitätsproblem, kein automatischer Beweis für eine unsichere Stromversorgung. Genau deshalb lohnt der Blick auf die Lösungen.
Welche Lösungen statistisch wirklich helfen
Es gibt nicht die eine Technik, die eine Dunkelflaute „wegmacht“. In der Praxis wirkt immer ein Bündel aus Maßnahmen. Ich würde die Optionen so einordnen:
| Option | Stärke | Grenze |
|---|---|---|
| Netzausbau | Verteilt Erzeugung und Verbrauch besser im Land und in Europa | Wirkt nicht sofort und braucht lange Planungszeiten |
| Lastverschiebung | Verbraucht Strom dann, wenn er reichlich vorhanden ist | Funktioniert nur bei geeigneten Prozessen und Steuerungstechnik |
| Batteriespeicher | Sehr gut für Stunden und schnelle Ausgleichsleistung | Für mehrtägige Flauten im großen Maßstab nur begrenzt geeignet |
| Pumpspeicher | Bewährt für kurzfristige Systemstabilisierung | Standorte sind begrenzt und der Ausbau ist langsam |
| Regelbare Reserve und wasserstofffähige Kraftwerke | Überbrücken längere Lücken, wenn Wind und Sonne fehlen | Müssen verfügbar, bezahlbar und klimatisch sauberer werden |
Sektorkopplung ist in diesem Zusammenhang kein Schlagwort, sondern ein nützliches Prinzip: Strom, Wärme und Verkehr werden so verbunden, dass Verbrauch flexibler auf Angebot reagieren kann. Wer Wärmepumpen, Elektroautos oder industrielle Prozesse intelligent steuert, verschiebt Last aus kritischen Stunden heraus. Das ersetzt keine Erzeugung, aber es reduziert den Druck auf das Gesamtsystem spürbar.
Für mich ist der wichtigste Realismus dabei: Speicher und Flexibilität sind keine Ausrede gegen den Ausbau von Wind und Solar, sondern dessen Voraussetzung. Je größer der Anteil fluktuierender Erzeugung wird, desto wichtiger werden Reserve, Netze und Steuerbarkeit.Worauf ich bei der Debatte um Dunkelflauten wirklich achte
Wenn ich Zahlen zu Dunkelflauten bewerte, frage ich immer zuerst nach drei Dingen: Welche Definition steckt dahinter, welche Lastannahme wurde genutzt und ob das System als Insel oder im europäischen Verbund betrachtet wurde. Ohne diese drei Prüfsteine sind viele Schlagzeilen schlicht nicht vergleichbar.
- Die Definition entscheidet, ob ich seltene Langläufer oder viele kürzere Ereignisse sehe.
- Die Systemgrenze entscheidet, ob Importe, Netze und regionale Ausgleichseffekte mitgezählt werden.
- Die Dauer ist oft wichtiger als die bloße Anzahl der Stunden mit schwacher Einspeisung.
- Die Flexibilität bestimmt, ob ein Engpass nur teuer oder tatsächlich kritisch wird.