Der Kohleausstieg in Deutschland ist 2026 rechtlich fest verankert, politisch aber noch nicht „fertig“. Entscheidend ist längst nicht mehr nur das Enddatum, sondern die Frage, wie schnell Kohlekapazitäten wirklich verschwinden, womit sie ersetzt werden und ob die Stromversorgung dabei stabil und bezahlbar bleibt. Ich ordne den Stand hier so ein, dass Sie die gesetzlichen Vorgaben, den realen Fortschritt und die offenen Baustellen der Klimapolitik auf einen Blick verstehen.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- Der gesetzliche Endpunkt bleibt spätestens 2038; ein früheres Ende ist politisch möglich, aber nicht automatisch beschlossen.
- Für Steinkohle und Braunkohle-Kleinanlagen sind die Ausschreibungen beendet, seit 2024 läuft die Reduktion vor allem über behördliche Anordnungen.
- Der Rückgang ist messbar: 2024 sank der Kohlestrom auf 97,2 TWh und auf 22,5 Prozent der inländischen Stromproduktion.
- 2025 wurden noch 28,2 TWh aus Steinkohle und 67,2 TWh aus Braunkohle erzeugt.
- Der Fortschritt hängt 2026 vor allem an Netzen, Speichern, flexiblen Kraftwerken und der Frage, ob Ersatzkapazitäten rechtzeitig kommen.
- Für die Kohleregionen stehen bis zu 40 Milliarden Euro an Strukturhilfen bereit, damit der Umbau nicht an der regionalen Wirtschaft hängen bleibt.
Wo Deutschland 2026 beim Kohleausstieg wirklich steht
Rechtlich ist der Pfad klar, praktisch ist er noch in Bewegung. Das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz legt den schrittweisen Ausstieg fest: 2030 sollen noch 8 Gigawatt Steinkohle und 9 Gigawatt Braunkohle am Markt sein, spätestens 2038 soll die Kohleverstromung auf null heruntergefahren sein. Für mich ist das der wichtigste Punkt an der Debatte: Der Ausstieg ist kein offener politischer Wunsch mehr, sondern ein verbindlicher Ordnungsrahmen, der Kraftwerksbetreiber, Netzbetreiber und Länder längst konkret bindet.
| Meilenstein | Stand 2026 | Was das bedeutet |
|---|---|---|
| Gesetzlicher Endpunkt | Spätestens 2038 | Bis dahin soll die Kohleverstromung vollständig beendet sein. |
| Zwischenziel 2030 | 8 GW Steinkohle, 9 GW Braunkohle | Das ist der wichtige Belastungstest für den tatsächlichen Fortschritt. |
| Ausschreibungen | Beendet | Neue Stilllegungen werden stärker ordnungsrechtlich gesteuert. |
| Frühere Vorziehung | Weiter denkbar, aber nicht gesichert | Ohne Ersatzkapazitäten bleibt das eher eine Option als eine Zusage. |
Wichtig ist dabei die Logik hinter dem Gesetz: Nicht das Datum allein entscheidet, sondern ob Stromsystem, Industrie und Regionen den Umbau tragen können. Genau deshalb ist der Kohleausstieg in der Klimapolitik immer auch ein Infrastruktur-, Industrie- und Regionalthema. Wie weit dieser Pfad bereits im Alltag angekommen ist, zeigen die Zahlen im Strommix.
Wie stark der Rückgang im Strommix bereits sichtbar ist
Die Richtung stimmt, auch wenn der Umbau nicht gleichmäßig verläuft. Nach Angaben der Bundesnetzagentur lag die Stromerzeugung aus Kohle 2024 bei 97,2 TWh; das entsprach 22,5 Prozent der inländischen Stromproduktion und damit einem neuen Tiefstand für ein Gesamtjahr. Für 2025 wies die Behörde noch 28,2 TWh aus Steinkohle und 67,2 TWh aus Braunkohle aus. Destatis meldete für das erste Quartal 2026 einen Anteil erneuerbarer Energien von 53,3 Prozent an der inländischen Stromerzeugung.
Diese Zahlen zeigen zwei Dinge zugleich. Erstens: Kohle ist nicht mehr der dominierende Anker des Systems. Zweitens: Der Ersatz ist noch nicht überall stabil genug, um Kohle einfach aus dem Markt zu drücken, ohne an anderen Stellen nachzusteuern. Ich halte es deshalb für einen Fehler, nur auf Jahresdurchschnitte zu schauen. Gerade bei Wind, Wasser und Importen schwanken die Werte stark, und einzelne Quartale erzählen immer nur einen Teil der Geschichte.
- Kohle sinkt, aber sie verschwindet nicht automatisch mit jedem guten Windjahr.
- Erneuerbare wachsen, allerdings braucht der Zubau Netze und Speicher, sonst bleibt viel Potenzial ungenutzt.
- Erdgas kann Kohle ersetzen, senkt aber die Emissionen nur teilweise und ist kein Endzustand.
Genau dort entscheidet sich, ob der Ausstieg schneller werden kann oder ob die Reserve länger gebraucht wird.
Was den Ausstieg beschleunigt und was ihn bremst
Der Kohleausstieg ist 2026 nicht mehr vor allem eine Frage des politischen Willens, sondern der Systemfähigkeit. Netze, Speicher, flexible Kraftwerke und Lastmanagement müssen schneller wachsen als die Kohlekapazitäten verschwinden. Sonst bleibt Kohle als Sicherheitsoption im Hintergrund, selbst wenn sie klimapolitisch längst unerwünscht ist. Das ist der Teil, den viele Debatten unterschätzen: Ein geordneter Ausstieg ist nur dann wirklich sauber, wenn neue Leistung auch tatsächlich verfügbar ist.
Besonders wichtig sind aus meiner Sicht vier Hebel:
- Netzausbau, damit Strom aus wind- und sonnenreichen Regionen zuverlässig dorthin kommt, wo er gebraucht wird.
- Speicher, also Batterien, Pumpspeicher und perspektivisch Wasserstoffsysteme, die Überschüsse aufnehmen können.
- Flexible Kraftwerke, vor allem neue gasbasierte Anlagen, die später auf Wasserstoff umgestellt werden können.
- Lastmanagement, also ein gezieltes Verschieben von Verbrauch in Zeiten mit viel erneuerbarem Strom.
Die Absicherung bleibt dabei ein realistischer Prüfstein. Für die Zeiträume 2026/2027 und 2028/2029 besteht weiterhin Bedarf an Netzreserve, also an Kraftwerken, die nicht im normalen Markt laufen, aber bei Engpässen einspringen können. Genau deshalb lässt sich der Ausstieg nicht einfach per Stichtag beschleunigen. Aus meiner Sicht ist ein vorgezogener marktlicher Kohleausstieg 2030 nur dann glaubwürdig, wenn Ersatzkapazitäten, Netze und Genehmigungen deutlich schneller vorankommen als bisher.
Wer den aktuellen Stand der Klimapolitik verstehen will, muss also nicht nur auf die Kohle selbst schauen, sondern auf das gesamte System dahinter. Daraus ergibt sich direkt die nächste Frage: Was bedeutet das für die Kohleregionen und die Menschen dort?
Warum Regionen und Beschäftigte den eigentlichen Härtetest darstellen
Ein Kohleausstieg ist politisch leicht beschlossen, wenn er auf dem Papier bleibt. Schwer wird er dort, wo Arbeitsplätze, kommunale Haushalte, Lieferketten und regionale Identität daran hängen. Genau deshalb ist die Strukturpolitik kein Nebenthema. Das Investitionsgesetz für die Kohleregionen stellt bis zu 40 Milliarden Euro bereit, davon rund 14 Milliarden Euro als Finanzhilfen für die Länder und bis zu 26 Milliarden Euro über Bundesmaßnahmen in eigener Zuständigkeit.
Diese Mittel sind nicht nur für symbolische Projekte gedacht. Sie sollen Infrastruktur stärken, Forschungsstandorte aufbauen, Verkehrsverbindungen verbessern und den Regionen neue wirtschaftliche Anker geben. Für mich ist das der entscheidende Unterschied zwischen einem bloßen Rückzug aus der Kohle und einer echten Transformationspolitik. Denn wenn nach dem letzten Kraftwerksblock nur Arbeitslosigkeit und Investitionsstau bleiben, verliert die Energiewende an gesellschaftlicher Akzeptanz.
In der Praxis zeigen sich dabei drei typische Risiken:
- Wenn Mittel zu langsam in konkrete Projekte fließen, bleibt der Strukturwandel ein Papierprozess.
- Wenn nur Großprojekte zählen, kommen Kommunen und mittelständische Betriebe zu kurz.
- Wenn Fachkräfte nicht rechtzeitig umgeschult werden, entsteht ein Engpass genau dort, wo neue Branchen aufgebaut werden sollen.
Gerade in den Kohlerevieren wird sichtbar, dass Klimapolitik immer auch Wirtschaftspolitik ist. Und daraus folgt die letzte wichtige Frage: Woran lässt sich 2026 seriös erkennen, ob der Kurs wirklich hält?
Woran ich den Erfolg bis 2030 messen würde
Ich würde den Kohleausstieg in den kommenden Jahren nicht an Ankündigungen messen, sondern an vier harten Indikatoren. Erstens an der jährlichen Kohleverstromung, nicht nur an einzelnen guten Monaten. Zweitens an der Zahl neuer erneuerbarer Anlagen, die tatsächlich ans Netz gehen. Drittens an der Geschwindigkeit beim Netzausbau und bei den Genehmigungen für flexible Kraftwerke. Viertens an der Frage, ob die Kohleregionen neue, tragfähige Wertschöpfung aufbauen.
Besonders aufschlussreich ist dabei, ob die Kohle nur aus dem regulären Markt gedrängt wird oder ob sie auch in der Restabsicherung kleiner wird. Solange Kohlekraftwerke als Netzreserve, in Sicherheitsarchitekturen oder in Sondersituationen gebraucht werden, ist der Ausstieg technisch eben noch nicht abgeschlossen. Das ist keine Schwäche der Klimapolitik, sondern eine ehrliche Beschreibung des Systems. Aber genau daran entscheidet sich, ob Deutschland später mit Recht von einem erfolgreichen Ausstieg sprechen kann.
Wer die Lage 2026 nüchtern betrachtet, kommt deshalb zu einem klaren Befund: Der Kohleausstieg ist politisch beschlossen, im Strommix deutlich sichtbar und strukturell angestoßen, aber noch nicht endgültig vollendet. Die nächste Phase entscheidet sich nicht am Symbol des Datums, sondern an der Qualität von Netzen, Speichern, Ersatzkapazitäten und regionalem Umbau.