Wenn Erdgas aus dem Untergrund in Heizung, Kraftwerk oder Industrie gelangen soll, beginnt alles mit einer geologischen Frage: Wo liegt die Lagerstätte, und lässt sich das Gas technisch sowie wirtschaftlich gewinnen? Der Abbau von Erdgas umfasst deshalb weit mehr als das Bohren eines Lochs. Ich zeige, wie die Förderung von der Erkundung bis zur Aufbereitung funktioniert, welche Unterschiede zwischen konventionellen Lagerstätten und Fracking bestehen und welche Bedeutung die heimische Produktion für Deutschland im Jahr 2026 noch hat.
Die wichtigsten Fakten zur Erdgasförderung auf einen Blick
- Bohrungen erschließen gasführende Gesteinsschichten in mehreren hundert bis mehreren tausend Metern Tiefe.
- Konventionelles Erdgas strömt durch den natürlichen Lagerstättendruck zur Förderbohrung, während unkonventionelle Vorkommen zusätzliche Verfahren benötigen.
- Deutschland förderte 2025 rund 4,25 Milliarden Kubikmeter Erdgas, überwiegend in Niedersachsen.
- Die heimische Produktion deckte nur etwa 4,8 Prozent des deutschen Erdgasbedarfs.
- Fracking zu kommerziellen Zwecken ist in Deutschland bei Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözgas grundsätzlich verboten.

So gelangt Erdgas aus der Lagerstätte ans Netz
Erdgas befindet sich nicht in großen unterirdischen Hohlräumen wie Wasser in einem Tank. Es sitzt in den Poren bestimmter Gesteine und wird durch undurchlässige Deckschichten eingeschlossen. Förderbare Lagerstätten liegen in Deutschland meist in einigen tausend Metern Tiefe.
Von der Erkundung zur Bohrung
Am Anfang stehen geologische Karten, historische Bohrdaten und seismische Messungen. Bei der 3-D-Seismik werden Schallwellen in den Untergrund gesendet. Aus den reflektierten Signalen entsteht ein räumliches Bild der Gesteinsschichten. Das liefert jedoch keine Garantie für einen wirtschaftlichen Fund, sondern nur eine Wahrscheinlichkeitsabschätzung.
Erst eine Probebohrung zeigt, ob tatsächlich genügend Gas vorhanden ist. Dabei wird das Bohrloch mit Stahlrohren und Zement gegen die umliegenden Gesteinsschichten abgedichtet. Diese Barrieren sollen verhindern, dass Fördermedien oder Lagerstättenwasser in Grundwasserleiter gelangen.
Förderung und Aufbereitung
Bei einer konventionellen Lagerstätte steht das Gas unter natürlichem Druck. Nach dem Öffnen der fördernden Schicht strömt es zunächst selbstständig zur Bohrung. Sinkt der Druck, können technische Maßnahmen wie Kompressoren oder eine angepasste Druckführung den Betrieb noch eine Zeit lang unterstützen.
Das geförderte Rohgas ist noch nicht für das öffentliche Netz geeignet. Es kann Wasser, Sand, Kohlenwasserstoffe und Schwefelwasserstoff enthalten. In der Aufbereitungsanlage wird es getrocknet, gereinigt und auf die erforderliche Gasqualität gebracht. Schwefelwasserstoff ist giftig und verursacht den typischen Geruch von „faulen Eiern“, weshalb sogenanntes Sauergas besonders sorgfältig behandelt werden muss.
Am Ende wird das Reingas gemessen und in das Fernleitungsnetz eingespeist. Ein Teil der Energie wird bereits während der Förderung für Pumpen, Kompressoren und die Aufbereitung benötigt. Genau deshalb sollte man bei Klimabilanzen nicht nur die spätere Verbrennung im Heizkessel betrachten.
Konventionelle Förderung und Fracking sind nicht dasselbe
In öffentlichen Debatten werden Erdgasbohrungen und Fracking häufig gleichgesetzt. Das führt zu falschen Schlussfolgerungen. Entscheidend ist, wie durchlässig das Speichergestein ist und ob das Gas ohne künstlich erzeugte Risse zur Bohrung gelangen kann.
| Merkmal | Konventionelle Lagerstätte | Unkonventionelle Lagerstätte |
|---|---|---|
| Gestein | Relativ durchlässiges Speichergestein | Sehr dichtes Gestein wie Schiefer, Ton oder Kohleflöz |
| Gasfluss | Gas strömt durch vorhandene Poren und Risse zur Bohrung | Zusätzliche künstliche Fließwege sind erforderlich |
| Technik | Bohrung, Abdichtung, Messung und Aufbereitung | Meist horizontale Bohrungen und hydraulische Stimulation |
| Hauptproblem | Methanverluste, Bohrplatz, Energiebedarf und Lagerstättenwasser | Hoher Wasserbedarf, Flowback, Chemikalien und mögliche Grundwasserrisiken |
Was beim Fracking passiert
Beim hydraulischen Fracking wird eine Flüssigkeit mit hohem Druck in das Gestein gepresst. Wasser, Stützmittel wie Sand und weitere Zusätze erzeugen oder erweitern Risse, durch die das Gas zur Bohrung fließen kann. Nach dem Druckabbau strömt ein Teil der Flüssigkeit als sogenannter Flowback zurück an die Oberfläche und muss behandelt oder entsorgt werden.
Das Umweltbundesamt nennt für eine Fracking-Bohrung einen Wasserbedarf von mehreren tausend Kubikmetern. Zusätzlich bleiben Fragen zur langfristigen Dichtheit, zum Umgang mit Chemikalien, zu Methanemissionen und zu induzierter Seismizität relevant. Ich halte deshalb die Aussage für zu pauschal, moderne Technik mache Fracking automatisch umweltfreundlich.
Nach der geltenden deutschen Regelung ist kommerzielles unkonventionelles Fracking in Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözgestein grundsätzlich nicht zulässig. Möglich sind nur eng begrenzte wissenschaftliche Erprobungen unter strengen Bedingungen. Das ist etwas anderes als die konventionelle Erdgasförderung, die in Deutschland weiterhin stattfindet.
Wo Deutschland Erdgas fördert und wie groß der Beitrag ist
Die deutsche Produktion konzentriert sich fast vollständig auf Niedersachsen. Dort liegen die wichtigsten Fördergebiete in der Region Weser-Ems und im Gebiet Elbe-Weser. Kleinere Mengen kommen aus weiteren Regionen, während die Offshore-Förderung in der deutschen Nordsee nur eine untergeordnete Rolle spielt.
2025 wurden in Deutschland rund 4,25 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert. Die Bundesnetzagentur weist für die heimische Produktion etwa 34 Terawattstunden aus. Beide Angaben beschreiben dieselbe Größenordnung, verwenden aber unterschiedliche Einheiten und Brennwertannahmen.
| Kennzahl | Wert für 2025 | Was daraus folgt |
|---|---|---|
| Inländische Förderung | 4,25 Milliarden m³ | Leichter Anstieg gegenüber 2024 |
| Anteil am deutschen Bedarf | Rund 4,8 Prozent | Deutschland bleibt stark auf Importe angewiesen |
| Schwerpunkt | Niedersachsen mit rund 98,6 Prozent | Die Förderung ist regional sehr konzentriert |
| Reserven Ende 2025 | Rund 29,3 Milliarden m³ | Rechnerisch etwa sieben Jahre Förderung auf heutigem Niveau |
Die Zahlen zeigen zwei Dinge gleichzeitig. Heimisches Gas kann Transportwege verkürzen, regionale Wertschöpfung schaffen und einen kleinen Beitrag zur Versorgung leisten. Es ersetzt aber keine Importstrategie und löst auch nicht das grundsätzliche Problem, dass der Verbrauch in Deutschland deutlich über der heimischen Fördermenge liegt.
Die Förderung ist zudem langfristig rückläufig. Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre wurden in Deutschland bis zu rund 21 Milliarden Kubikmeter pro Jahr gewonnen. 2025 lag die Produktion nur noch bei ungefähr 20 Prozent des damaligen Höchststands. Der Grund liegt vor allem in erschöpften Lagerstätten und wenigen neuen wirtschaftlich nutzbaren Funden.
Umweltfolgen liegen nicht nur im Bohrloch
Eine Erdgasförderanlage ist nicht automatisch ein großer Schornstein. Viele Emissionen entstehen an Ventilen, Leitungen, Kompressoren und bei Wartungsarbeiten. Besonders wichtig ist Methan, weil es als unverbrannter Bestandteil des Erdgases direkt in die Atmosphäre gelangen kann und über kurze Zeiträume sehr klimaschädlich wirkt.
Wasser und Boden
Das größte Schutzgut bei Bohrungen ist für mich das Grundwasser. Grundwasserführende Schichten werden häufig durchbohrt, deshalb müssen Stahlrohre, Zementierung und Druckkontrollen zuverlässig funktionieren. Bei konventionellen Anlagen ist das Risiko nicht gleich null, aber es unterscheidet sich deutlich von der Situation beim Aufbrechen dichter Gesteinsschichten durch Fracking.
Auch der Flächenverbrauch wird oft unterschätzt. Ein Bohrplatz braucht Zufahrten, Leitungen, Tanks und technische Anlagen. Nach dem Ende der Förderung muss der Betreiber das Bohrloch sichern, zurückbauen und den Standort wiederherstellen. Für Anwohner zählen dabei nicht nur die spätere Landschaft, sondern auch Lärm, Verkehr und mögliche Nutzungseinschränkungen während der Bohrphase.
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Klima und Energieaufwand
Erdgas verbrennt meist mit weniger Kohlendioxid pro Kilowattstunde als Kohle. Das macht es jedoch nicht klimaneutral. Zur Verbrennung kommen Emissionen aus Förderung, Aufbereitung, Transport und Speicherung. Sobald Methanverluste steigen, kann ein Teil des Vorteils gegenüber anderen fossilen Brennstoffen verloren gehen.
In deutschen Anlagen werden Leckagen zunehmend durch regelmäßige Kontrollen, bessere Dichtungen und Messprogramme begrenzt. Das ist sinnvoll, aber kein Freibrief. Wer Erdgas als Übergangstechnologie bezeichnet, sollte immer dazusagen, wie lange diese Übergangsphase dauern soll und ob dadurch Investitionen in Wärmepumpen, Netze oder erneuerbare Wärme verzögert werden.
Fossiles Erdgas, Atomenergie und der deutsche Energiepfad
Der Vergleich mit Atomenergie hilft, die Debatte einzuordnen, obwohl beide Energieträger technisch sehr unterschiedlich sind. Erdgas wird als Brennstoff gefördert und verbrannt. Kernenergie gewinnt Energie durch die Spaltung von Uran und verursacht im laufenden Reaktorbetrieb nur geringe direkte Kohlendioxidemissionen, bringt aber andere Risiken und die langfristige Entsorgung radioaktiver Abfälle mit sich.
| Kriterium | Erdgas | Atomenergie |
|---|---|---|
| Rohstoff | Fossiles Erdgas aus unterirdischen Lagerstätten | Uran, das bergmännisch gewonnen und verarbeitet wird |
| Flexibilität | Kraftwerke können vergleichsweise schnell geregelt werden | Große Anlagen eignen sich eher für kontinuierliche Produktion |
| Klimaproblem | CO₂ bei der Verbrennung und mögliche Methanverluste | Geringe direkte Emissionen, aber Emissionen aus Vorkette und Bau |
| Hauptrisiko | Klimaeffekte, Leckagen, Wasser- und Flächennutzung | Unfälle, radioaktiver Abfall und hohe Anforderungen an Sicherheit |
| Perspektive | Fossiler Energieträger mit begrenzter Übergangsfunktion | Politisch und gesellschaftlich in Deutschland beendet |
Meine Einschätzung ist klar: Der Streit „Gas oder Atomkraft“ greift zu kurz. Beide Technologien lösen nicht die Aufgabe, ein dauerhaft klimaneutrales und robustes Energiesystem aufzubauen. Erdgas kann kurzfristig Flexibilität liefern, während Wind, Sonne, Speicher, Netze, Effizienz und erneuerbare Wärme schrittweise ausgebaut werden. Der entscheidende Maßstab ist daher nicht nur, ob ein Brennstoff heute verfügbar ist, sondern ob die Infrastruktur auch in 15 oder 20 Jahren noch sinnvoll eingesetzt werden kann.
Für Haushalte und Unternehmen bedeutet das vor allem, Investitionen sorgfältig zu prüfen. Ein neuer Gasheizkessel mag in der Anschaffung einfach wirken, bindet den Nutzer aber über viele Jahre an einen fossilen Energieträger. Bei Gebäuden mit hohem Wärmebedarf können Sanierung, Wärmepumpe, Fernwärme oder hybride Lösungen langfristig sinnvoller sein, auch wenn die Ausgangslage je nach Gebäude stark variiert.
Was beim Blick auf heimisches Gas oft übersehen wird
Die deutsche Erdgasförderung ist technisch anspruchsvoll und wird durch gesetzliche Vorgaben, Kontrolle und Sicherheitsmaßnahmen begleitet. Trotzdem bleibt sie eine kleine Ergänzung der Versorgung, keine Antwort auf die gesamte Energiefrage.
Wer Förderprojekte beurteilen will, sollte deshalb mindestens vier Punkte getrennt betrachten. Dazu gehören die tatsächliche Fördermenge, die Methan- und CO₂-Bilanz der Vorkette, die Risiken für Wasser und Landschaft sowie die Frage, wie lange das Projekt wirtschaftlich betrieben werden soll.
Für mich ist der wichtigste Schluss daraus, dass heimisches Erdgas nicht mit erneuerbarer Energie verwechselt werden darf. Es kann Versorgungslücken begrenzen, bleibt aber fossil und endlich. Eine belastbare Klimapolitik nutzt solche Restmengen nur dort, wo sie kurzfristig gebraucht werden, und richtet neue Investitionen konsequent auf ein Energiesystem aus, das ohne fossile Förderung auskommt.