Wer Europas Stromversorgung verstehen will, kommt an zwei Fragen nicht vorbei: Welche Kernkraftwerke laufen noch, und welche Rolle spielen sie neben Kohle, Gas und erneuerbaren Energien? Ich ordne den aktuellen Bestand der AKW in Europa ein, nenne wichtige Standorte und zeige, warum Atomenergie zwar deutlich klimafreundlicher als fossile Stromerzeugung ist, aber keine einfache Komplettlösung darstellt.
Die wichtigsten Fakten zum europäischen Atomstrom auf einen Blick
- 101 Reaktorblöcke stehen in zwölf EU-Staaten im Betrieb.
- Frankreich besitzt mit 57 Reaktoren den mit Abstand größten Bestand Europas.
- In der EU erzeugte Kernenergie 2024 rund 23,3 Prozent des Stroms.
- Deutschland betreibt seit 2023 keine kommerziellen Kernkraftwerke mehr.
- Atomstrom verursacht im Betrieb kaum CO₂, bringt aber Abfall-, Kosten- und Sicherheitsfragen mit sich.

Wie viele Kernkraftwerke in Europa laufen derzeit
Für eine faire Übersicht muss man zwischen Kraftwerksstandort und Reaktorblock unterscheiden. Ein Standort wie das französische Gravelines beherbergt mehrere Reaktoren. Gezählt werden deshalb meist die einzelnen Blöcke, weil jeder Block separat betrieben, gewartet oder abgeschaltet werden kann.
Nach den aktuellen Angaben der Europäischen Kommission waren in der Europäischen Union rund 101 Reaktoren mit etwa 98 Gigawatt Leistung erfasst. Das bedeutet nicht, dass alle Anlagen gleichzeitig Strom liefern. Wartungen, technische Prüfungen, Brennstoffwechsel oder außergewöhnliche Wetterlagen können einzelne Blöcke vorübergehend vom Netz nehmen.
| Land | Wichtige Standorte | Reaktorblöcke |
|---|---|---|
| Belgien | Doel, Tihange | 2 |
| Bulgarien | Kosloduj | 2 |
| Finnland | Loviisa, Olkiluoto | 5 |
| Frankreich | Unter anderem Gravelines, Cattenom, Tricastin, Paluel, Flamanville | 57 |
| Ungarn | Paks | 4 |
| Niederlande | Borssele | 1 |
| Rumänien | Cernavodă | 2 |
| Schweden | Forsmark, Oskarshamn, Ringhals | 6 |
| Slowakei | Bohunice, Mochovce | 5 |
| Slowenien | Krško | 1 |
| Spanien | Almaraz, Ascó, Cofrentes, Trillo, Vandellós | 7 |
| Tschechien | Dukovany, Temelín | 6 |
Außerhalb der EU kommen unter anderem 36 Reaktoren in Russland, 15 in der Ukraine, neun im Vereinigten Königreich, vier in der Schweiz, zwei in Belarus und einer in Armenien hinzu. Je nach geografischer Abgrenzung Europas ergibt sich damit eine Größenordnung von rund 168 Reaktorblöcken. Russland und Armenien werden dabei nicht in jeder Statistik vollständig Europa zugerechnet.
Welche Standorte Europas Stromsystem besonders prägen
Frankreich bleibt das Zentrum der europäischen Kernenergie
Frankreich ist der Sonderfall Europas. Mit 57 Reaktoren an 18 Standorten erzeugt das Land mehr Atomstrom als jedes andere europäische Land. Anlagen wie Gravelines, Paluel, Cattenom und Tricastin liefern große Strommengen für Frankreich und beeinflussen über den grenzüberschreitenden Stromhandel auch Deutschland, Belgien, Italien und die Schweiz.
Der französische Bestand zeigt zugleich die Stärke und die Schwäche alter Reaktorflotten. Viele Anlagen erzeugen zuverlässig Strom, benötigen aber umfangreiche Nachrüstungen und regelmäßige Sicherheitsprüfungen. Der neue EPR-Reaktor in Flamanville wurde Ende 2024 erstmals mit dem Netz verbunden und markiert den Versuch, die französische Atomindustrie technologisch zu erneuern.
Ost- und Mitteleuropa setzen stärker auf Versorgungssicherheit
In Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien ist Kernenergie eng mit der nationalen Versorgungspolitik verbunden. Paks in Ungarn deckt einen großen Teil des heimischen Strombedarfs, während die slowakischen Anlagen in Bohunice und Mochovce eine besonders hohe Bedeutung für das kleine Stromsystem des Landes haben.
Rumänien nutzt in Cernavodă eine kanadische CANDU-Technologie. Das ist interessant, weil die Anlage nicht zum sowjetischen Reaktortyp gehört, der in Teilen Osteuropas verbreitet ist. In Finnland wiederum zeigen Loviisa und Olkiluoto, wie ältere Reaktoren und ein moderner EPR gemeinsam in einem Stromsystem betrieben werden können.
Die Ukraine verlangt eine besondere Einordnung
Die Ukraine verfügt über 15 Reaktorblöcke an vier Standorten. Die sechs Blöcke des Kernkraftwerks Saporischschja befinden sich jedoch seit dem Beginn des Krieges nicht im normalen Stromerzeugungsbetrieb. „In Betrieb“ bedeutet in internationalen Datenbanken daher nicht automatisch, dass ein Reaktor aktuell Strom ins Netz einspeist.
Für die Bewertung europäischer Atomenergie ist diese Unterscheidung wichtig. Technischer Status, Netzbetrieb und politische Kontrolle können auseinanderfallen. Bei der Ukraine kommt zusätzlich das Risiko hinzu, dass Kriegshandlungen, externe Stromversorgung und Sicherheitsüberwachung die Bedingungen eines Kernkraftwerks stark verändern.
Was Atomenergie gegenüber Kohle und Gas leistet
Atomkraftwerke und fossile Kraftwerke werden häufig in einer gemeinsamen Debatte behandelt, obwohl ihre Klimawirkung sehr unterschiedlich ist. Ein Reaktor erzeugt Strom durch Kernspaltung, während Kohle- und Gaskraftwerke Kohlenstoffverbindungen verbrennen. Bei der Kernspaltung entstehen im laufenden Betrieb nahezu keine direkten CO₂-Emissionen.
| Kriterium | Kernenergie | Kohle und Gas |
|---|---|---|
| CO₂ im Betrieb | Sehr niedrig | Bei Kohle sehr hoch, bei Gas niedriger, aber weiterhin erheblich |
| Verfügbarkeit | Planbar, mit Wartungsunterbrechungen | Planbar, Gas kann oft besonders flexibel eingesetzt werden |
| Wetterabhängigkeit | Gering | Gering |
| Abfälle | Geringe Mengen, aber langlebig und anspruchsvoll zu lagern | Große Mengen CO₂, zusätzlich Schadstoffe und Asche |
| Bauzeit und Kapitalbedarf | Hohe Investitionen und häufig lange Projektzeiten | Meist schneller zu errichten, aber abhängig von Brennstoffpreisen |
| Ressourcenrisiko | Abhängigkeit von Uranabbau, Konversion und Brennstofffertigung | Abhängigkeit von Kohle-, Öl- oder Gaslieferungen |
Die IAEA-Datenbank PRIS weist für Kernkraftwerke eine hohe durchschnittliche Auslastung aus. Das ist für ein Stromnetz wertvoll, weil Reaktoren über lange Zeiträume kontinuierlich Leistung bereitstellen können. Kohlekraftwerke verlieren dagegen wegen ihrer hohen Emissionen politisch und wirtschaftlich an Bedeutung, während Gaskraftwerke vor allem als flexible Ergänzung für Zeiten mit wenig Wind- und Solarstrom diskutiert werden.
Ich halte deshalb die Gegenüberstellung „Atomkraft oder erneuerbare Energien“ für zu grob. In einem stabilen klimaneutralen System können Wind, Solarenergie, Speicher, Netze und regelbare CO₂-arme Kraftwerke unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Entscheidend ist, wie schnell, bezahlbar und sicher diese Kombination aufgebaut werden kann.
Wo die Grenzen der Kernenergie liegen
Neue Reaktoren sind kein schneller Ersatz
Ein neues Großkraftwerk ist ein Infrastrukturprojekt für mehrere Jahrzehnte. Genehmigung, Finanzierung, Bau, Erprobung und Netzanschluss können sich über viele Jahre erstrecken. Gerade bei technisch anspruchsvollen Neubauten haben europäische Projekte gezeigt, dass Verzögerungen und Kostensteigerungen keine Ausnahme sind.
Bestehende Reaktoren stehen wirtschaftlich oft besser da als Neubauten, weil ein großer Teil der ursprünglichen Baukosten bereits bezahlt ist. Eine Laufzeitverlängerung ist aber kein einfacher Weiterbetrieb. Druckbehälter, Kühlsysteme, Notstromversorgung und Sicherheitsregeln müssen neu bewertet und teilweise modernisiert werden.
Abfall bleibt eine langfristige Aufgabe
Atomkraft produziert im Vergleich zu fossilen Kraftwerken kleine Materialmengen, aber ein Teil davon bleibt über sehr lange Zeit radioaktiv. Deutschland setzt mit dem Endlagerstandort- und Standortauswahlverfahren auf eine geologische Tiefenlagerung. Andere europäische Länder verfolgen eigene Modelle, doch kein Land kann die Entsorgungsfrage einfach ausblenden.
Das verändert die Klimabilanz nicht grundsätzlich, gehört aber zur vollständigen Bewertung. Wer Atomstrom als emissionsfrei bezeichnet, lässt diesen Teil der Kette weg. Treffender ist die Formulierung, dass Kernenergie über ihren gesamten Lebenszyklus sehr emissionsarm ist, aber nicht ohne Umweltfolgen auskommt.
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Wasser und Hitze werden wichtiger
Viele Kernkraftwerke liegen an Flüssen, Seen oder Küsten, weil sie große Mengen Kühlwasser benötigen. Bei niedrigen Pegelständen oder hohen Wassertemperaturen kann die Leistung reduziert werden. Die Erfahrungen Frankreichs in heißen Sommern zeigen, dass der Klimawandel auch eine Technologie belastet, die zur Klimastabilisierung beitragen soll.
Für neue Projekte werden deshalb alternative Kühlsysteme und bessere Standortprüfungen wichtiger. Das löst nicht jedes Problem, kann aber die Abhängigkeit von einzelnen Flüssen und Küstenabschnitten verringern.
Was der europäische Bestand für Deutschland bedeutet
Deutschland hat seine letzten drei Kernkraftwerke im April 2023 abgeschaltet. Das Land ist damit nicht mehr Betreiber, bleibt aber über den europäischen Stromhandel eng mit Ländern verbunden, die weiterhin auf Atomenergie setzen. Strom aus Frankreich, Tschechien oder der Schweiz kann je nach Markt- und Netzsituation Teil des deutschen Importmixes sein.
Für die deutsche Energiepolitik folgt daraus eine nüchterne Aufgabe. Der Ausstieg aus der Kernenergie reduziert radioaktive Risiken im Inland, erhöht aber den Bedarf an Netzausbau, Speichern, flexiblen Kraftwerken und Lastmanagement. Werden diese Bausteine zu langsam entwickelt, kann Erdgas länger im System bleiben als ursprünglich geplant.
Auf EU-Ebene geht die Entwicklung in mehrere Richtungen. Zwölf Mitgliedstaaten betreiben Reaktoren, einige Länder planen Laufzeitverlängerungen oder Neubauten, andere halten am Ausstieg fest. Die Europäische Kommission rechnet bis 2050 mit hohen Investitionen in bestehende und neue Anlagen, betont aber zugleich, dass erneuerbare Energien den größten Teil der Dekarbonisierung tragen müssen.
Mein praktischer Maßstab lautet deshalb nicht, ob ein Land grundsätzlich für oder gegen Atomkraft ist. Sinnvoller sind vier Fragen: Wie sicher ist der konkrete Standort? Wie teuer ist die zusätzliche Kilowattstunde? Wie schnell wird sie verfügbar? Und verdrängt sie tatsächlich fossile Erzeugung oder bindet sie nur Kapital, das an anderer Stelle schneller wirken könnte?
Warum Europas AKW-Bestand keine einfache Ja-Nein-Frage ist
Europa besitzt weiterhin eine große und technisch sehr unterschiedliche Reaktorflotte. Frankreich, Schweden und mehrere mittel- und osteuropäische Länder stützen damit ihre Stromversorgung, während Deutschland, Italien und Österreich andere Wege verfolgen. Gleichzeitig bleibt die Kernenergie in Europa mit rund 23 Prozent des EU-Stroms ein wichtiger Faktor.
Für den Klimaschutz zählt am Ende nicht das Etikett einer Technologie, sondern das Ergebnis des gesamten Energiesystems. Atomkraft kann fossile Kraftwerke ersetzen und verlässlichen CO₂-armen Strom liefern. Sie braucht dafür jedoch strenge Sicherheitskontrollen, eine tragfähige Lösung für radioaktive Abfälle, realistische Kosten und genügend Zeit für Planung und Bau.
Die überzeugendste europäische Strategie ist daher eine Kombination aus erneuerbaren Energien, leistungsfähigen Netzen, Speichern, Energieeffizienz und jenen CO₂-armen Kraftwerken, die ein Land sicher, finanzierbar und gesellschaftlich tragfähig betreiben kann.