Rund 20 Kilometer vor Borkum wird Erdgas aus einem grenzüberschreitenden Feld in der Nordsee gefördert. Das Projekt von ONE-Dyas verbindet Fragen der Versorgungssicherheit mit erheblichen Konflikten um Meeresschutz, Klimapolitik und die Zukunft fossiler Energien. Ich ordne ein, was technisch und rechtlich bereits gilt, welche Mengen realistisch sind und warum die Debatte trotz erteilter Genehmigungen nicht beendet ist.
Die wichtigsten Fakten zur Erdgasförderung vor Borkum auf einen Blick
- Standort Die Plattform N05-A liegt auf niederländischem Gebiet etwa 20 bis 23 Kilometer nordwestlich von Borkum.
- Förderbeginn Die Produktion startete im März 2025 zunächst mit einer Bohrung.
- Aktuelle Menge Seit April 2026 liegt die geplante Jahresproduktion nach Unternehmensangaben bei rund 1 Milliarde Kubikmeter.
- Ausbauziel Bis zum vierten Quartal 2026 soll die Plattform bis zu 2 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erreichen.
- Deutsche Seite Die genehmigten Richtbohrungen verlaufen erst ab etwa 1.500 Metern Tiefe in deutsches Hoheitsgebiet.
- Umweltstreit Das OVG Lüneburg bestätigte 2026 die deutsche Genehmigung, doch die Kritik an Natur- und Klimafolgen bleibt bestehen.

Worum es bei dem Projekt vor Borkum tatsächlich geht
Im Mittelpunkt steht das Erdgasfeld N05-A, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt. Die Förderplattform N05-A steht auf niederländischem Hoheitsgebiet, ungefähr 20 bis 23 Kilometer vor Borkum und nur wenige hundert Meter vom deutschen Nordseesektor entfernt.
Die Besonderheit liegt darin, dass die Plattform nicht nur senkrecht unter ihrem eigenen Standort bohrt. Mit sogenannten Richtbohrungen werden die Bohrpfade schräg und später nahezu waagerecht unter dem Meeresboden in Richtung deutscher Lagerstätten geführt. Die deutsche Genehmigung betrifft damit Förderbereiche, die unter deutschem Hoheitsgebiet liegen, obwohl die sichtbare Plattform in den Niederlanden steht.
Seit März 2025 wurde zunächst testweise Gas aus einer ersten Bohrung gefördert. Im April 2026 nahm ONE-Dyas nach eigenen Angaben eine zweite Bohrung in Betrieb. Dadurch soll die Produktion zunächst etwa 1 Milliarde Kubikmeter Erdgas pro Jahr erreichen. Im Regelbetrieb sind bis zu 2 Milliarden Kubikmeter vorgesehen.
Diese Zahl klingt groß, muss aber eingeordnet werden. Nach Unternehmensangaben entspräche die maximale Produktion ungefähr 2,5 Prozent des deutschen Gasverbrauchs und rund 7 Prozent des niederländischen Bedarfs. Für die Versorgung einzelner Regionen kann das relevant sein, eine deutsche Unabhängigkeit von Gasimporten entsteht dadurch jedoch keineswegs.
Wie die Bohrungen unter dem Meeresboden funktionieren
Viele Bilder der Debatte zeigen eine Bohrplattform mitten in der Nordsee und erwecken den Eindruck, direkt vor Borkum werde ein Loch in den Meeresboden gebohrt. Technisch ist das nur teilweise richtig. Die Bohrungen beginnen auf niederländischer Seite und erreichen das deutsche Hoheitsgebiet laut Genehmigung erst in einer Tiefe von mindestens 1.500 Metern unter dem Meeresboden.
Von dort werden die Bohrstränge weiter abgelenkt und können Tiefen von bis zu etwa 4.000 Metern erreichen. Die deutschen Richtbohrungen durchstoßen den Meeresboden deshalb nicht unmittelbar vor der Insel. Das verringert bestimmte Belastungen, beseitigt aber nicht automatisch alle Risiken des Vorhabens.
Für das gesamte Projekt wurden in den Planungsunterlagen mehrere Bohrungen und zusätzliche Ablenkungen vorgesehen. Das LBEG genehmigte 2024 den deutschen Teil nach einem Planfeststellungsverfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung und Öffentlichkeitsbeteiligung. Zusätzlich war ein Stromkabel zum Offshore-Windpark Riffgat vorgesehen, damit die Plattform im Betrieb zunehmend mit Windstrom versorgt werden kann.
Ich halte diese technische Unterscheidung für wichtig, weil sie die Diskussion sachlicher macht. Unterirdische Bohrungen sind nicht automatisch folgenlos, aber sie sind auch nicht dasselbe wie eine Bohrinsel, die direkt im Nationalpark Wattenmeer errichtet wird. Entscheidend bleiben die Auswirkungen von Bohrlärm, Leitungen, Schiffsverkehr, Betriebsstörungen und möglichen Unfällen.
Warum die Gasförderung politisch so umkämpft ist
Befürworter verweisen vor allem auf die Versorgungssicherheit. Heimisches Erdgas muss nicht per Pipeline aus politisch unsicheren Regionen oder als Flüssiggas über lange Transportwege nach Europa gebracht werden. Außerdem argumentiert das Unternehmen, dass die Nutzung von Windstrom für den Plattformbetrieb die Emissionen der Förderung deutlich senken könne.
Das ist ein nachvollziehbarer Punkt, aber kein Freibrief für neue fossile Infrastruktur. Auch Gas aus der Nordsee bleibt ein fossiler Energieträger. Bei der Verbrennung entsteht Kohlendioxid, und entlang der gesamten Förder- und Transportkette können Methanemissionen auftreten. Ein geringerer Fußabdruck als bei bestimmten Importen bedeutet deshalb nicht Klimaneutralität.
Die politische Auseinandersetzung dreht sich zudem um die Frage, ob ein begrenztes Fördervolumen den Aufwand und die ökologischen Risiken rechtfertigt. Das Projekt kann kurzfristig Gas bereitstellen, verändert aber nicht die grundlegende Aufgabe Deutschlands. Gebäude müssen effizienter werden, Wärmenetze brauchen erneuerbare Quellen und die Stromversorgung benötigt mehr Speicher und Netzausbau.
Die Alternative heißt dabei nicht automatisch Atomkraft. Deutschland hat seine letzten Kernkraftwerke im April 2023 abgeschaltet. Für die konkrete Situation vor Borkum geht es daher vor allem um die Abwägung zwischen zusätzlicher Gasförderung, Energieeinsparung, erneuerbaren Energien, Speichern und Importen. Gas oder Atomkraft ist in dieser Debatte eine zu einfache Gegenüberstellung.
Welche Folgen für Meer, Wattenmeer und Insel befürchtet werden
Borkum liegt in einer Region mit besonders empfindlichen Lebensräumen. In der weiteren Umgebung befinden sich Natura-2000-Gebiete, das Wattenmeer und wichtige Bereiche für Schweinswale, Seevögel und andere Meerestiere. Schon deshalb zählt nicht nur, ob ein einzelner Bohrvorgang technisch beherrschbar ist, sondern auch, wie sich mehrere Belastungen über Jahre summieren.
Zu den diskutierten Risiken gehören Unterwasserlärm während Bau- und Bohrarbeiten, Störungen durch Schiffe, mögliche Leckagen sowie Veränderungen des Meeresbodens. Auch eine Absenkung des Untergrunds und durch die Förderung ausgelöste Erschütterungen wurden in den Verfahren geprüft. Das OVG Lüneburg bewertete die möglichen Auswirkungen in seiner Entscheidung 2026 als nicht erheblich und hielt mögliche Bodensenkungen für praktisch nicht messbar.
Ein Gerichtsurteil bedeutet allerdings nicht, dass jede Umweltfrage endgültig beantwortet ist. Es bedeutet, dass die vorgelegten Prüfungen für die konkrete Genehmigung rechtlich ausreichten. Aus meiner Sicht sollte die Öffentlichkeit deshalb weiterhin nachvollziehbar erfahren, welche Messwerte erhoben werden, wie häufig die Plattform ausfällt und welche Schwellenwerte bei Lärm, Erschütterungen oder Methanemissionen gelten.
Für Borkum kommt eine wirtschaftliche Ebene hinzu. Die Insel lebt stark vom Tourismus und vom Bild einer naturnahen Nordseeküste. Selbst wenn die Plattform vom Strand aus nur klein erscheint, kann sie die Wahrnehmung der Landschaft und das Vertrauen in den Schutz der Region beeinflussen. Der Schaden muss nicht erst als Ölteppich sichtbar werden, um politisch und gesellschaftlich relevant zu sein.
Was 2026 rechtlich gilt
Die deutsche Genehmigung wurde im August 2024 erteilt. Sie erlaubt ONE-Dyas, von der niederländischen Plattform aus Richtbohrungen in den deutschen Sektor niederzubringen und dort Erdgas zu fördern. Das LBEG ordnete zudem den Sofortvollzug an, sodass laufende Klagen die Bohrungen nicht automatisch stoppen.
Im Januar 2026 bestätigte das OVG Lüneburg zunächst, dass dieser Sofortvollzug rechtmäßig ist. Im April wies das Gericht eine Klage der Deutschen Umwelthilfe gegen den deutschen Planfeststellungsbeschluss ab. Im Mai folgte die Abweisung der Klage der Stadt Borkum und der Inselgemeinde Juist. Damit hat die deutsche Genehmigung Bestand.
Die gerichtliche Auseinandersetzung ist damit nicht mit jeder möglichen Frage erledigt. Das Projekt umfasst auch niederländische Genehmigungen, grenzüberschreitende Zuständigkeiten und ein deutsch-niederländisches Unitarisierungsabkommen. Dieses regelt, wie ein Erdgasfeld verwaltet wird, das sich über die Staatsgrenze erstreckt.
Für Anwohner und Interessierte ist vor allem eine Unterscheidung wichtig. Eine genehmigte Förderung ist nicht dasselbe wie eine uneingeschränkte Erlaubnis für jede denkbare Erweiterung. Neue Bohrungen, zusätzliche Felder oder veränderte Leitungen können weitere Prüfungen und Genehmigungen erforderlich machen.
Wie groß der Beitrag zur deutschen Gasversorgung wirklich ist
Die geplanten 2 Milliarden Kubikmeter pro Jahr sind im europäischen Maßstab kein riesiges Vorkommen, für die regionale Versorgung aber durchaus relevant. Frühere Planungsunterlagen nannten für das gesamte Vorhaben eine technisch förderbare Menge von etwa 4,5 bis 13 Milliarden Normkubikmetern. Diese Spanne zeigt bereits, dass Schätzungen von Lagerstätten und tatsächliche Fördermengen nicht identisch sind.
Die Produktion fällt außerdem nicht dauerhaft auf demselben Niveau an. Erdgasfelder erreichen meist eine Spitzenförderung und verlieren danach an Druck. Wie lange die Plattform mit hoher Auslastung arbeiten kann, hängt von den Bohrergebnissen, dem Lagerstättendruck und der wirtschaftlichen Entwicklung ab.
| Aspekt | Einordnung |
|---|---|
| Geplante Spitzenproduktion | Bis zu etwa 2 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr |
| Anteil am deutschen Gasbedarf | Nach Unternehmensangaben ungefähr 2,5 Prozent |
| Förderstart | März 2025 mit zunächst einer Bohrung |
| Ausbau im Jahr 2026 | Zweite Bohrung in Betrieb, zunächst rund 1 Milliarde Kubikmeter jährlich |
| Grenzüberschreitender Anteil | Das Feld N05-A liegt teilweise in den Niederlanden und teilweise in Deutschland |
Der praktische Nutzen hängt zudem davon ab, wohin das Gas tatsächlich geliefert wird. Das Erdgas wird über Leitungen zum niederländischen Netz transportiert; für deutsches Gebiet wurde politisch eine Versorgung des deutschen Marktes zugesagt. Das kann die Importbilanz verbessern, senkt aber nicht automatisch die Preise für jeden Haushalt.
Was von Borkum für die Energiewende bleibt
Ich sehe das Projekt als Beispiel für einen grundlegenden Zielkonflikt. Deutschland braucht auch 2026 noch Erdgas, während gleichzeitig neue fossile Förderprojekte die Klimaziele und den Schutz sensibler Meeresräume berühren. Beides lässt sich nicht mit dem einfachen Hinweis auf Versorgungssicherheit oder mit pauschaler Ablehnung auflösen.
Die Plattform kann mit Windstrom betrieben werden und dadurch die direkten Emissionen der Förderung verringern. Das ist technisch sinnvoll, ändert aber nichts daran, dass das geförderte Produkt später verbrannt wird. Elektrische Förderung macht Erdgas nicht zu erneuerbarer Energie.
Für eine verantwortungsvolle Bewertung sollten deshalb mindestens vier Fragen offen beantwortet werden. Wie hoch sind die tatsächlichen Methanemissionen? Welche unabhängigen Messungen kontrollieren Lärm und Erschütterungen? Wie wird ein Unfall finanziell und organisatorisch abgesichert? Und ab welchem Punkt sinkt die Gasnachfrage so weit, dass eine weitere Förderung nicht mehr vertretbar ist?
Meine Einordnung fällt deshalb nüchtern aus. Die Gasförderung vor Borkum kann einen begrenzten Beitrag zur Versorgung leisten, sie ist aber weder ein Ersatz für den Ausbau erneuerbarer Energien noch eine langfristige Klimastrategie. Der eigentliche Erfolg wäre nicht, möglichst lange Gas zu fördern, sondern den Bedarf so schnell zu senken, dass neue fossile Projekte überflüssig werden.