Wer Atomstrom als günstig bezeichnet, meint oft nur die laufenden Kosten eines bereits abgeschriebenen Kraftwerks. Eine vollständige Rechnung sieht anders aus. Ich zeige, wie teuer neue Kernkraft ohne staatliche Unterstützung tatsächlich wäre, welche Kosten für Rückbau und Endlagerung hinzukommen und wie Atomenergie gegenüber fossilen Kraftwerken und erneuerbaren Energien abschneidet.
Die entscheidenden Zahlen zur Wirtschaftlichkeit von Atomstrom
- 13,6 bis 49,0 Cent pro kWh betragen die modellierten Stromgestehungskosten eines neuen Kernkraftwerks in Deutschland.
- Endlagerung und weitere gesellschaftliche Folgekosten sind in diesen Werten noch nicht vollständig enthalten.
- Für Zwischen- und Endlagerung wurden von den Betreibern 24,1 Milliarden Euro in den KENFO eingezahlt.
- Die geschätzten Gesamtkosten der nuklearen Entsorgung bis 2099 liegen bei rund 170 Milliarden Euro.
- Neue Wind- und Freiflächen-Photovoltaik sind bei den reinen Erzeugungskosten deutlich günstiger.

Was Atomstrom ohne staatliche Hilfe wirklich kostet
Die wichtigste Unterscheidung betrifft das Alter des Kraftwerks. Ein bestehendes Atomkraftwerk, dessen Baukosten längst abgeschrieben sind, kann im laufenden Betrieb vergleichsweise günstig wirken. Für die Entscheidung über ein neues Kraftwerk zählt aber nicht der alte Anlagenbestand, sondern die komplette Rechnung aus Planung, Finanzierung, Bau, Betrieb, Rückbau und Entsorgung.
Unter Stromgestehungskosten versteht man die durchschnittlichen Kosten über die gesamte Lebensdauer einer Anlage. Eingerechnet werden typischerweise Investitionen, Kapitalkosten, Brennstoff, Wartung, Personal und Betrieb. Genau hier liegt der entscheidende Punkt: Bei der Kernkraft dominieren die hohen Investitions- und Finanzierungskosten, während der Uranpreis im Vergleich zu den Gesamtkosten weniger ins Gewicht fällt.
Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme kommt für neu zu bauende Kernkraftwerke auf eine Bandbreite von 13,6 bis 49,0 Cent pro Kilowattstunde. Die große Spanne erklärt sich vor allem durch unterschiedliche Annahmen zu Baukosten, Auslastung und Finanzierung. Das ist keine feste Marktpreisprognose, aber eine brauchbare Größenordnung für die wirtschaftliche Einordnung.
Meine Bewertung fällt deshalb klar aus: Atomstrom ist nicht automatisch teuer, weil Uran teuer wäre. Er wird teuer, weil ein Reaktor über Jahrzehnte hohe Kapitalbindung verlangt und viele Risiken wirtschaftlich abgesichert werden müssen. Ein niedriger Preis am bestehenden Kraftwerk lässt sich nicht einfach auf einen Neubau übertragen.
Warum abgeschriebene Reaktoren günstiger aussehen
Bei einem alten Reaktor sind die größten Ausgaben bereits erfolgt. In der kurzfristigen Betrachtung bleiben vor allem Brennstoff, Wartung, Personal und laufende Sicherheitsmaßnahmen. Diese sogenannten Grenzkosten können niedrig sein, solange die Anlage zuverlässig läuft und keine größeren Nachrüstungen erforderlich werden.
Das erklärt, warum Betreiber älterer Anlagen häufig mit günstigen Produktionskosten argumentieren. Die Rechnung beantwortet aber nur die Frage, ob ein vorhandenes Kraftwerk noch einige Jahre weiterlaufen kann. Sie beantwortet nicht, ob heute ein vergleichbarer Neubau wirtschaftlich sinnvoll wäre.
Hinzu kommt die begrenzte Flexibilität. Kernkraftwerke sind für einen möglichst gleichmäßigen Betrieb ausgelegt. In einem Stromsystem mit viel Wind- und Solarenergie müssen Kraftwerke ihre Leistung jedoch häufiger anpassen. Eine geringe Auslastung verteuert jede Kilowattstunde, weil sich die hohen Fixkosten auf weniger erzeugten Strom verteilen.
In Debatten wird außerdem oft der Börsenpreis mit den tatsächlichen Kosten verwechselt. Ein Kraftwerk kann Strom zu einem bestimmten Preis verkaufen und trotzdem langfristig nur mit staatlichen Garantien, Rückstellungen oder günstiger Finanzierung rentabel erscheinen. Für einen fairen Vergleich müssen deshalb alle Kosten auf dieselbe Grundlage gebracht werden.
Welche Folgekosten in der üblichen Rechnung fehlen
Die Kosten für Atomstrom enden nicht mit dem Abschalten des Reaktors. Zunächst folgen Nachbetrieb, Rückbau, Dekontamination und die Behandlung radioaktiver Materialien. Danach müssen abgebrannte Brennelemente über sehr lange Zeiträume zwischengelagert und schließlich dauerhaft in einem Endlager verwahrt werden.
Deutschland hat 2017 die Verantwortung für Zwischen- und Endlagerung neu geordnet. Die Betreiber zahlten damals rund 24,1 Milliarden Euro in den Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, kurz KENFO. Davon entfielen etwa 17,9 Milliarden Euro auf den Grundbetrag und 6,2 Milliarden Euro auf einen Risikoaufschlag, der weitere Nachschusspflichten für diesen Bereich ausschloss.
Für Rückbau und die fachgerechte Verpackung radioaktiver Abfälle bleiben bei den Betreibern zusätzlich Rückstellungen bestehen. Zum Ende 2024 beliefen sie sich laut dem Bericht des Bundesumweltministeriums auf rund 17,7 Milliarden Euro. Der Bericht schätzt die gesamten Kosten der nuklearen Entsorgung bis 2099 auf etwa 170 Milliarden Euro.
Diese Summe ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer direkten Belastung des Bundeshaushalts. Ein Teil wird aus Betreiberzahlungen und Rückstellungen finanziert. Trotzdem bleibt ein öffentliches Risiko, wenn Kosten steigen, Zeitpläne scheitern oder die Erträge des Fonds nicht ausreichen. Genau deshalb ist es irreführend, nur die Kosten während der Stromproduktion zu betrachten.
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Das Problem der sehr langen Zeiträume
Bei Windrädern oder Gaskraftwerken lässt sich der größte Teil der Kosten innerhalb weniger Jahrzehnte abschätzen. Bei radioaktiven Abfällen reichen die Planungs- und Sicherheitszeiträume weit darüber hinaus. Je länger der Zeitraum, desto größer die Unsicherheit bei Inflation, Zinsen, technischen Anforderungen und möglichen Verzögerungen.
Auch die Haftung bei schweren Unfällen ist ein Sonderfall. Kein Betreiber kann das gesamte Schadenspotenzial eines extremen Ereignisses zu normalen Marktbedingungen versichern. Ein Teil dieses Risikos liegt deshalb zwangsläufig bei Staat und Gesellschaft. Wer Atomstrom ohne Subventionen berechnen will, müsste auch diesen Vorteil gegenüber einer vollständig privaten Versicherung bewerten.
Wie Kernkraft im Vergleich zu fossilen Kraftwerken abschneidet
Ein Vergleich mit Kohle und Gas macht die Sache interessanter. Auch fossile Kraftwerke tragen nicht alle Schäden über ihren Strompreis. Gesundheitsfolgen durch Luftschadstoffe, Klimaschäden und Umweltrisiken werden nur teilweise über Emissionshandel, Auflagen oder andere Instrumente erfasst.
| Technologie | Stromgestehungskosten neuer Anlagen | Wichtige Einschränkung |
|---|---|---|
| Kernkraft | 13,6 bis 49,0 Cent/kWh | Endlagerung und weitere Folgekosten nicht vollständig eingerechnet |
| Braunkohle | 15,1 bis 25,7 Cent/kWh | Hohe CO2- und Umweltbelastung, geringe Flexibilität |
| Steinkohle | 17,3 bis 29,3 Cent/kWh | Abhängig von Kohlepreis und CO2-Kosten |
| GuD-Kraftwerk mit Erdgas | 10,9 bis 18,1 Cent/kWh | Abhängigkeit von Brennstoffimporten und CO2-Preis |
| Windkraft an Land | 4,3 bis 9,2 Cent/kWh | Wetterabhängigkeit und zusätzlicher Bedarf an Netzen und Flexibilität |
| Freiflächen-Photovoltaik | je nach Standort besonders niedrige Kosten | Schwankende Erzeugung und tägliche sowie saisonale Unterschiede |
Die Zahlen stammen aus Modellrechnungen und sind deshalb nicht als Endkundenpreise zu verstehen. Sie zeigen jedoch die Größenordnung. Bei den reinen Erzeugungskosten liegen neue Wind- und Solarprojekte in Deutschland deutlich unter neuen konventionellen Kraftwerken. Atomkraft verliert ihren vermeintlichen Kostenvorteil vor allem beim Neubau.
Der Vergleich darf trotzdem nicht zu einfach ausfallen. Wind und Sonne liefern nicht jederzeit Strom. Netze, Speicher, Lastmanagement und flexible Kraftwerke verursachen zusätzliche Systemkosten. Diese Kosten müssen in einem vollständigen Energiesystemvergleich berücksichtigt werden. Sie machen erneuerbare Energien aber nicht automatisch teurer als neue Kernkraft, weil auch ein Atomkraftwerk Netze, Reservekapazitäten und Finanzierung braucht.
Was ohne Subventionen bei einem Neubau bedeuten würde
Der Begriff Subvention wird häufig unterschiedlich verwendet. Im engen Sinn geht es um direkte Zuschüsse aus dem Staatshaushalt. Im weiteren Sinn gehören auch Steuervergünstigungen, staatliche Forschung, günstige Kredite, Preisgarantien, Haftungsbegrenzungen und die Übernahme langfristiger Risiken dazu.
Für eine faire Rechnung sollten mindestens fünf Kostenblöcke enthalten sein:
- Baukosten und Finanzierung einschließlich Zinsen während einer langen Bauphase
- Betrieb und Brennstoff über die gesamte Laufzeit
- Rückbau und Dekontamination nach dem Ende der Stromproduktion
- Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle
- Risiken und externe Schäden, die nicht vollständig privat versichert oder eingepreist sind
Besonders wichtig ist die Finanzierung. Ein Reaktor bindet über viele Jahre Kapital, bevor er Einnahmen erzielt. Verzögerungen wirken sich deshalb überproportional aus. Steigen die Baukosten von beispielsweise 10 auf 15 Milliarden Euro, erhöht sich nicht nur die Investition um 5 Milliarden Euro. Auch Zinsen, Bauzeit und entgangene Einnahmen wachsen mit.
In anderen Ländern werden solche Risiken häufig durch staatliche Preisgarantien oder Beteiligungen abgesichert. Das britische Modell für Hinkley Point C sah beispielsweise einen inflationsangepassten Abnahmepreis von 92,50 Pfund je Megawattstunde in Preisen von 2012 über 35 Jahre vor. Ein solcher Mechanismus ist keine klassische Subvention im Alltagssprachgebrauch, wirkt wirtschaftlich aber wie eine staatliche Absicherung gegen niedrige Marktpreise.
Ich halte deshalb die Frage „mit oder ohne Subventionen“ allein für zu eng. Entscheidend ist, ob alle Vorteile und Risiken transparent ausgewiesen werden. Ein Kraftwerk kann formal ohne Zuschuss gebaut werden und dennoch von staatlichen Garantien, Haftungsregeln oder einer öffentlichen Übernahme langfristiger Aufgaben profitieren.
Welche Rolle Atomenergie in Deutschland noch spielen könnte
In Deutschland endete der Leistungsbetrieb der letzten drei Kernkraftwerke am 15. April 2023. Für die aktuelle Energiepolitik stellt sich deshalb nicht die Frage, ob bestehende Reaktoren kurzfristig weiterlaufen, sondern ob ein kompletter Neubau wirtschaftlich und politisch sinnvoll wäre.
Ein Neubau würde vermutlich 10 bis 15 Jahre oder länger beanspruchen, bevor nennenswerte Strommengen verfügbar wären. Bis dahin könnten Windkraft, Photovoltaik, Speicher, Netze und flexible Kraftwerke weiter ausgebaut sein. Das verschiebt die Kostenfrage zusätzlich: Ein Reaktor muss sich nicht nur gegen heutige Preise, sondern gegen ein künftiges Stromsystem behaupten.
Atomkraft kann in bestimmten Ländern Vorteile haben, etwa wenn bereits ein industrielles Umfeld, erfahrene Betreiber und standardisierte Reaktortypen vorhanden sind. Diese Voraussetzungen fehlen in Deutschland weitgehend. Ein einzelnes Kraftwerk wäre kein Ersatz für ein ganzes Energiesystem, sondern müsste in ein Netz mit erneuerbaren Energien und flexiblen Verbrauchern integriert werden.
Für den Klimaschutz bleibt der geringe CO2-Ausstoß im Betrieb ein Argument für Kernkraft. Dieses Argument sollte aber nicht mit Wirtschaftlichkeit verwechselt werden. Eine Technologie kann emissionsarm sein und trotzdem hohe Kosten, lange Bauzeiten und schwer kalkulierbare Folgelasten haben.
Eine vollständige Rechnung entscheidet über den Preis
Die kurze Antwort lautet deshalb: Atomstrom ohne staatliche Unterstützung wäre bei einem Neubau in Deutschland voraussichtlich deutlich teurer als Wind- und Solarstrom und mindestens konkurrenzfähig mit teuren fossilen Alternativen. Die Spannbreite von 13,6 bis 49,0 Cent pro Kilowattstunde zeigt, wie stark Baukosten, Finanzierung und Auslastung das Ergebnis bestimmen.
Wer nur die laufenden Kosten eines abgeschriebenen Reaktors betrachtet, erhält ein günstiges, aber unvollständiges Bild. Wer dagegen Neubau, Kapital, Rückbau, Endlagerung, Haftung und Systemintegration gemeinsam bewertet, kommt zu einer wesentlich realistischeren Einschätzung.
Für Deutschland spricht aus meiner Sicht daher wenig für einen neuen staatlich abgesicherten Atomkraftwerksbau. Sinnvoller ist es, die knappen Mittel auf Technologien zu konzentrieren, die schnell gebaut werden können, deren Kosten transparent bleiben und deren Risiken nicht über Generationen hinweg offen bleiben.