Ein Mulden-Rigolen-System verbindet oberirdische Speicherung mit unterirdischem Rückhalt: Regenwasser wird zunächst in einer begrünten Mulde gebremst, dort teilweise gereinigt und anschließend über eine Rigole in den Boden abgegeben. Für die Stadtentwicklung ist das mehr als ein Entwässerungstrick, weil damit Flächen entsiegelt, Abflussspitzen reduziert und Quartiere zugleich hitze- und starkregensicherer werden. Ich zeige hier, wie die Technik funktioniert, wo sie sinnvoll ist, welche Randbedingungen gelten und woran Projekte in der Praxis oft scheitern.
Die wichtigsten Punkte zum System auf einen Blick
- Die Mulde puffert und reinigt, die Rigole speichert und versickert.
- Besonders geeignet sind gering bis mäßig belastete Flächen wie Wohnwege, Höfe und Parkplätze mit Vorbehandlung.
- Die DWA hat mit DWA-A 138-1 im Oktober 2024 die aktuelle Planungsgrundlage veröffentlicht und die ältere Fassung zurückgezogen.
- Wichtig sind ein ausreichender Abstand zum Grundwasser, die Beurteilung des Bodens und ein Notüberlauf für Starkregen.
- Im Stadtquartier wirkt die Technik am besten als Teil einer blau-grünen Gesamtstrategie, nicht als Einzelmaßnahme.
Warum diese Technik in Städten so relevant ist
Der Reiz dieser Lösung liegt in ihrer doppelten Wirkung. Sie entlastet die Kanalisation und bringt Regenwasser gleichzeitig zurück in den lokalen Wasserkreislauf. Das ist besonders wichtig, wenn dichte Bebauung, versiegelte Flächen und häufigere Starkregenereignisse zusammentreffen. Die DWA beschreibt die Regenwasserbewirtschaftung deshalb ausdrücklich als Chance für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung, nicht nur als technische Pflichtaufgabe.
Ich halte das für einen entscheidenden Punkt: In vielen Städten wird Regenwasser immer noch behandelt, als müsse man es möglichst schnell loswerden. Genau das Gegenteil ist oft klüger. Ortnahe Versickerung kann die Belastung von Kanälen senken, Überläufe reduzieren und zugleich die Umgebung kühlen, weil Wasser nicht nur verschwindet, sondern vor Ort zwischengespeichert wird. Das passt besonders gut zu Quartieren, in denen Freiräume, Höfe, Straßenräume und Grünzüge ohnehin neu gedacht werden müssen.
Die aktuelle deutsche Planungspraxis ist dabei klarer geworden. Mit dem Arbeitsblatt DWA-A 138-1 liegt seit Oktober 2024 die überarbeitete Grundlage für Planung, Bau und Betrieb von Versickerungsanlagen vor; die ältere Fassung von 2005 ist zurückgezogen. Für mich ist das ein Signal, dass dezentrale Regenwasserbewirtschaftung längst kein Sonderthema mehr ist, sondern ein regulärer Baustein moderner Infrastruktur. Wie die Anlage im Detail arbeitet, entscheidet sich aber erst in der Bauphysik und im Gelände.

So läuft der Wasserkreislauf in der Anlage ab
Die Funktionskette ist einfach, aber genau darin liegt ihre Stärke. Regenwasser wird von Dach-, Wege- oder Hofflächen zunächst oberflächig in die Mulde geleitet. Dort kann es kurzzeitig stehen, sich verteilen und durch die Vegetations- und Bodenschicht zumindest teilweise reinigen lassen. Erst danach gelangt es in die Rigole, also in den unterirdischen Speicherraum aus Kies, Schotter oder Modulbauteilen, von wo es zeitverzögert in den Untergrund versickert.
| Bauteil | Aufgabe | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Mulde | Zwischenspeicherung und erste Rückhaltung | Genug Oberflächenraum, gute Begrünung, sichere Zuführung des Wassers |
| Belebte Bodenzone | Filter- und Reinigungsstufe | Hier entsteht die eigentliche Stoffrückhaltung; der Boden darf nicht verdichtet sein |
| Rigole | Unterirdischer Speicher und Versickerungsraum | Hilfreich bei knappen Flächen, aber nur mit sauberer Vorbehandlung sinnvoll |
| Überlauf | Sicherheit bei Starkregen | Verhindert Rückstau und Schäden, wenn die Anlage kurzzeitig voll läuft |
Wesentlich ist die belebte Bodenzone, also der biologisch aktive, durchwurzelte Bodenbereich. Dort werden Stoffe zurückgehalten und abgebaut. Genau deshalb ist es keine gute Idee, Wasser einfach direkt in eine unterirdische Rigole zu schicken, wenn die vorgelagerte Reinigung fehlt. Die Mulde ist nicht bloß Gestaltung, sondern der Teil der Anlage, der hydraulische Beruhigung und Stoffrückhalt zusammenbringt. Ohne diesen Schritt verliert das System einen großen Teil seines Nutzens.
Für die Praxis heißt das: Die Anlage muss so geplant werden, dass das Wasser die Mulde oberflächlich erreicht, dort gebremst wird und erst danach in die Tiefe wandert. Diese Reihenfolge klingt banal, macht aber den Unterschied zwischen einer robusten Regenwasserlösung und einem schlecht funktionierenden Untergrundspeicher. Von dort ist es nur ein Schritt zur Frage, wo sich die Technik im Stadtraum tatsächlich lohnt.
Wo die Lösung in der Stadtentwicklung am meisten bringt
Am stärksten ist die Technik dort, wo Regenwasser ohnehin anfällt und zugleich Platz für Mehrfachnutzung vorhanden ist. In Neubauquartieren lässt sich die Entwässerung von Anfang an mit Grünräumen, Wegen und Bäumen zusammendenken. In der Nachverdichtung kann sie helfen, neue Flächen nicht noch stärker an den Mischwasserkanal zu hängen. Und im Bestand ist sie oft dann sinnvoll, wenn Sanierung und Klimaanpassung ohnehin gemeinsam geplant werden.
| Anwendung | Warum sie passt | Worauf ich besonders achten würde |
|---|---|---|
| Neubauquartier | Die Flächen können von Anfang an wasserbewusst geplant werden | Freiraum, Leitungsführung und Überlauf schon im Entwurf mitdenken |
| Bestandsstraße oder Wohnweg | Gering belastete Flächen lassen sich gut entwässern und begrünen | Gefälle, Bordführung und Sicherheit für Fuß- und Radverkehr sauber lösen |
| Schulhof, Parkplatz, Hoffläche | Versiegelte Flächen liefern viel Wasser auf engem Raum | Vorbehandlung prüfen, wenn Schmutz, Reifenabrieb oder Öl relevant sind |
| Quartiersgrün oder Grünzug | Die Anlage kann Teil einer sichtbaren, attraktiven Freiraumstruktur werden | Nutzungsansprüche und Stauraum gegeneinander abwägen |
Die Umweltbundesamt-Praxis zeigt genau in diese Richtung: Gering belastete Flächen wie Rad- und Gehwege in Wohngebieten oder wenig befahrene Verkehrsflächen eignen sich gut für Mulden oder Rigolen, während stärker belastete Flächen eine Vorbehandlung brauchen. Das ist für die Stadtentwicklung wichtig, weil nicht jede Fläche gleich behandelt werden darf. Ich würde die Technik deshalb nie pauschal als „für alles geeignet“ verkaufen. Sie ist stark, aber eben nicht grenzenlos.
Ein gutes Projekt erkennt man daran, dass die Anlage nicht wie ein technischer Fremdkörper wirkt, sondern wie ein normaler Teil des Quartiers. Dann wird aus Entwässerung Gestaltung, aus Gestaltung Klimaanpassung und aus Klimaanpassung ein echter Nutzwert für den Alltag. Damit diese Wirkung trägt, muss die Planung allerdings präzise sein.
Worauf Planung und Bemessung wirklich hinauslaufen
Die wichtigste Planungsfrage lautet nicht: „Passt irgendwo noch eine Rigole hin?“, sondern: „Ist der Standort hydrogeologisch und funktional geeignet?“ Die aktuelle DWA-A 138-1 fordert dafür die Betrachtung der örtlichen Randbedingungen, des Grundwasserschutzes und des Betriebs. Aus meiner Sicht ist das richtig, weil ein gutes System nicht auf Bauchgefühl basiert, sondern auf Standortdaten.
Besonders wichtig sind fünf Punkte: Boden, Grundwasser, Belastung des Regenwassers, verfügbare Fläche und ein sicherer Überlauf. Die UBA-Planungshilfe nennt als Mindestmaß einen Abstand von 1 Meter zwischen Anlagensohle und Grundwasser. Das ist keine Luxusregel, sondern Grundschutz. Wenn dieser Abstand fehlt, steigen die Risiken für den Untergrund und für das Grundwasser deutlich.
- Boden - Die Durchlässigkeit entscheidet darüber, wie groß die Anlage werden muss und ob Versickerung überhaupt sinnvoll ist.
- Grundwasser - Zu geringe Flurabstände machen die Versickerung problematisch.
- Belastung - Je schmutziger die Fläche, desto eher braucht es Vorbehandlung oder eine andere Lösung.
- Regenstatistik - Für die Bemessung werden lokale Niederschlagsdaten wie KOSTRA genutzt; das sind regionale Regendaten für Ingenieurplanung.
- Wartung - Mulden müssen gepflegt, Einläufe kontrolliert und Sedimente entfernt werden, sonst sinkt die Leistungsfähigkeit schnell.
Eine gute Faustregel aus der Praxis lautet: Wenn der Standort nur funktioniert, solange alles perfekt läuft, ist er noch nicht robust genug. Das gilt besonders in dicht bebauten Räumen, in denen Leitungen, Wurzeln, Fundamente und Tiefgaragen die Planung einschränken. Darum setze ich bei solchen Anlagen immer auf eine klare Überlaufstrategie und auf eine Bemessung, die auch Spitzenereignisse mitdenkt. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer schönen Idee und einer belastbaren Infrastruktur.
Vorteile und Grenzen gegenüber der klassischen Kanalableitung
Ich sehe den größten Vorteil im Systemgedanken. Klassische Kanalableitung versucht, Wasser möglichst schnell zu sammeln und weiterzuleiten. Das Mulden-Rigolen-Prinzip macht es anders: Es verzögert, filtert, speichert und versickert vor Ort. Dadurch sinkt der Druck auf das Kanalnetz, und gleichzeitig bleibt Wasser im Quartier verfügbar, statt sofort abzuwandern.
| Vergleichspunkt | Mulden-Rigolen-Lösung | Klassische Kanalableitung |
|---|---|---|
| Abflussverhalten | Verzögert und teilweise zurückgehalten | Schnell abgeführt |
| Reinigungswirkung | Gut, wenn Mulde und Bodenzone richtig funktionieren | Nur nachgelagert über das Kanalsystem |
| Beitrag zur Stadtklima-Anpassung | Hoch, weil Wasser vor Ort bleibt und Fläche multifunktional genutzt werden kann | Gering |
| Platzbedarf | Oberirdisch sichtbar, unterirdisch oft platzsparender als reine Flächenlösungen | Hauptsächlich unterirdisch, aber ohne positiven Freiraum-Effekt |
| Risiko bei falscher Nutzung | Spürbar, wenn belastetes Wasser ohne Vorbehandlung eingeleitet wird | Abhängigkeit vom Netz, bei Starkregen Überlastungsrisiko |
Die Grenze ist ebenso klar: Das System ist kein Freibrief für jede versiegelte Fläche. Bei stark belasteten Zuflüssen, bei hohem Grundwasserstand oder wenn die Fläche schlicht fehlt, braucht es andere oder zusätzliche Maßnahmen. Die UBA-Planungshilfe rät unterirdischen Rigolen- oder Schachtsystemen ausdrücklich ab, wenn das Regenwasser nicht ausreichend behandelt ist. Genau deshalb ist die Technik so wirksam, wenn sie richtig eingesetzt wird, und so enttäuschend, wenn sie nur als schnelle Restfläche behandelt wird.
Ich würde sie daher als Teil eines Maßnahmensets sehen, nicht als Ersatz für alles andere. Entsiegelung, Dachbegrünung, Baumrigolen, Regenwassernutzung und Mulden-Rigolen-Systeme ergänzen sich oft besser, als es ein einzelnes Bauteil je könnte. Das führt direkt zu den typischen Fehlern, die solche Projekte teuer machen.
Welche Fehler Projekte teuer machen
Viele Probleme entstehen nicht wegen der Technik selbst, sondern wegen einer zu groben Planung. In der Praxis sehe ich immer wieder dieselben Schwachstellen. Sie sind vermeidbar, aber nur, wenn man sie früh genug mitdenkt.
- Keine Vorbehandlung bei belasteten Flächen - Wer Wasser von stark befahrenen oder schmutzintensiven Flächen direkt versickern lässt, riskiert Stoffeinträge und Funktionsverluste.
- Zu kleiner Grundwasserabstand - Wenn die Sohle zu nah am Grundwasser liegt, wird aus einer guten Idee schnell ein Schutzproblem.
- Kein Notüberlauf - Ohne klaren Überlaufpfad wird Starkregen zum Schadensfall.
- Wartung als Randthema - Sedimente, Laub und Verdichtung verschlechtern die Leistung schleichend, aber dauerhaft.
- Zu wenig Platz für die Zuleitung - Wenn das Wasser nicht sauber oberflächig in die Mulde kommt, verliert die Anlage ihre Reinigungsstufe.
Besonders kritisch ist der Irrtum, eine Rigole sei automatisch eine sichere Lösung, nur weil sie im Boden verschwindet. Das Gegenteil ist oft der Fall: Je unsichtbarer die Anlage, desto wichtiger sind Kontrolle, Zugang und Wartbarkeit. Ich würde deshalb jede Planung mit einer einfachen Frage prüfen: Kann die Anlage auch dann noch sinnvoll funktionieren, wenn sie nicht ideal, sondern nur typisch belastet wird? Wenn die Antwort nein ist, ist das Projekt noch nicht reif.
Gerade im Bestand entscheidet diese Ehrlichkeit über den Erfolg. Wo Leitungen eng liegen, Baumschutz, Feuerwehrzufahrten und Unterkellerung mitspielen, braucht es manchmal auch den Mut zur kleineren, aber robusteren Lösung. Das ist keine Niederlage, sondern saubere Planung.
Warum die Technik für klimaresiliente Quartiere mehr ist als Entwässerung
Für mich ist das Mulden-Rigolen-Prinzip vor allem deshalb interessant, weil es Stadtentwicklung mit Wasserhaushalt verbindet. Es zwingt Planer nicht nur dazu, Regenwasser „abzuleiten“, sondern den Umgang mit Wasser als Teil von Freiraum, Temperaturhaushalt und Bodenfunktion zu denken. Genau in dieser Verknüpfung liegt der Mehrwert für klimaresiliente Quartiere.Die UBA-Praxis zeigt, dass solche Lösungen in ganzen Siedlungszusammenhängen funktionieren können, wenn zentrale und semizentrale Mulden, Rinnen und Versickerungselemente zusammen geplant werden. Das ist der Punkt, an dem aus einer technischen Anlage eine städtebauliche Qualität wird: weniger Hitzestress, weniger Abflussdruck, mehr Grünwirkung und ein sichtbarer Bezug zum Wasser. Wer heute ein Quartier plant oder nachrüstet, sollte deshalb nicht nur fragen, wie viel Wasser verschwindet, sondern auch, was das Wasser im Ort leisten kann.
Mein Fazit für die Praxis ist nüchtern: Erst Standort, dann Nutzung, dann Bemessung, dann Betrieb. Wenn Boden, Grundwasser, Belastung und Pflege zusammenpassen, ist die Lösung oft erstaunlich stark. Wenn einer dieser Bausteine nicht stimmt, sollte man lieber nachjustieren als eine teure Scheinlösung bauen. Genau so wird aus Regenwasserbewirtschaftung ein belastbarer Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung.