Gaskraftwerke in Deutschland - Technik, Leistung und Zukunft

Dampf steigt aus einem modernen Gaskraftwerk in Deutschland auf. Satellitenschüsseln und ein Parkplatz sind in der Nähe zu sehen.

Geschrieben von

Ivonne Schweizer

Veröffentlicht am

17. Sept. 2026

Inhaltsverzeichnis

Wer an einem windstillen Winterabend zuverlässig Strom und Wärme braucht, merkt schnell, warum Erdgas im deutschen Energiesystem noch nicht verschwunden ist. Gaskraftwerke liefern flexible Leistung, stoßen jedoch weiterhin CO₂ aus und bleiben von importierten Brennstoffen abhängig. Ich ordne ein, welche Anlagen in Deutschland betrieben werden, wie sie arbeiten, welche Rolle sie für die Versorgungssicherheit spielen und warum ihre Zukunft zwischen Erdgas, Wasserstoff und erneuerbaren Energien liegt.

Gaskraftwerke bleiben die flexible, aber nur vorläufige Stütze der Energiewende

  • 35,3 GW installierte Leistung auf Erdgasbasis waren zum 3. November 2025 erfasst.
  • 2025 erzeugten deutsche Erdgasanlagen 86,3 TWh Strom, entsprechend 17 Prozent der Bruttostromerzeugung.
  • GuD-Kraftwerke verbinden Gasturbine und Dampfturbine und erreichen besonders hohe Wirkungsgrade.
  • Gas ist klimaverträglicher als Kohle, aber keine klimaneutrale Energiequelle.
  • Neue Anlagen werden zunehmend für Wasserstoffbetrieb vorbereitet.

Karte zeigt Standorte von Gaskraftwerken und anderen Energieprojekten in Deutschland.

Wie viele Gaskraftwerke gibt es in Deutschland?

Eine einzige, dauerhaft gültige Zahl gibt es nicht. Das liegt daran, dass große Kraftwerksblöcke einzeln erfasst werden, kleinere Anlagen aber teilweise zusammengefasst erscheinen. Die Bundesnetzagentur berücksichtigt in ihrer Kraftwerksliste vor allem Anlagen ab 10 MW elektrischer Nettonennleistung je Standort.

Für den zuletzt vollständig ausgewiesenen Bestand zum November 2025 ergeben sich rund 35,3 GW installierte Erdgasleistung. Das ist die technische Höchstleistung, nicht die tatsächlich erzeugte Strommenge. Ein Gaskraftwerk kann also über viele Stunden stillstehen und trotzdem für kurzfristige Einsätze verfügbar bleiben.

2025 kamen aus Erdgas rund 86,3 TWh Bruttostrom, also 17 Prozent der gesamten Bruttostromerzeugung. Destatis meldete damit einen neuen Höchstwert der Erdgasstromproduktion seit Beginn der entsprechenden Zeitreihe. Für mich ist der Unterschied zwischen Leistung und Erzeugung besonders wichtig, weil er in politischen Debatten häufig untergeht.

Wert Bedeutung
35,3 GW Installierte elektrische Leistung der erfassten Erdgas-Anlagen
86,3 TWh Bruttostromerzeugung aus Erdgas im Jahr 2025
17 Prozent Anteil von Erdgas an der deutschen Bruttostromerzeugung 2025
10 MW Wichtige Erfassungsgrenze der Kraftwerksliste je Standort

Wichtige Standorte im deutschen Kraftwerkspark

Die Anlagen stehen nicht gleichmäßig über das Land verteilt. Entscheidend sind die Nähe zu Gasleitungen, Verbrauchszentren, Fernwärmenetzen und leistungsfähigen Stromtrassen. Besonders relevant sind daher industrielle Regionen, große Städte und Netzknoten im Süden und Westen Deutschlands.

Standort Was ihn auszeichnet
Irsching in Bayern Mehrere große Gasblöcke mit zusammen über 2 GW installierter Leistung. Irsching 4 und 5 gehören mit einem elektrischen Wirkungsgrad von etwa 60 Prozent zu den effizientesten GuD-Anlagen Europas.
München-Süd Gas- und Dampfturbinen erzeugen Strom und Fernwärme in Kraft-Wärme-Kopplung. Die elektrische Leistung des Standorts liegt bei rund 700 MW.
Stuttgart-Münster Ein modernisiertes, wasserstofffähiges Gaskraftwerk übernimmt schrittweise Aufgaben für Strom- und Wärmeversorgung.
Industriestandorte und Stadtwerke Viele kleinere Anlagen arbeiten als Heizkraftwerke oder Blockheizkraftwerke und versorgen zusätzlich Betriebe, Wohngebiete oder Fernwärmenetze.

Diese Beispiele zeigen auch, warum eine reine Liste von Namen wenig hilfreich wäre. Ein Kraftwerk kann am Strommarkt teilnehmen, in der Netzreserve stehen, nur Wärme erzeugen oder gerade modernisiert werden. Der Betriebsstatus ist deshalb wichtiger als der bloße Standort.

Wie arbeitet ein Gaskraftwerk?

Im einfachsten Fall verbrennt die Anlage Erdgas in einer Turbine. Die heißen Verbrennungsgase treiben einen Generator an, der elektrische Energie erzeugt. Moderne Kraftwerke nutzen die entstehende Wärme jedoch möglichst mehrfach.

GuD-Anlagen holen mehr aus dem Brennstoff

Ein Gas-und-Dampfkraftwerk, kurz GuD, besteht aus einer Gasturbine und einer nachgeschalteten Dampfturbine. Die Abwärme der Gasturbine erhitzt Wasser, der entstehende Dampf treibt eine zweite Turbine an. Dadurch erreicht eine moderne Anlage einen elektrischen Wirkungsgrad um 60 Prozent, während einfache Gasturbinen deutlich darunter liegen.

Der Vorteil liegt nicht nur im Wirkungsgrad. GuD-Anlagen lassen sich schneller hochfahren als viele Kohlekraftwerke und können ihre Leistung gut an die aktuelle Stromnachfrage anpassen. Das macht sie wertvoll, wenn Wind- und Solarstrom kurzfristig schwanken.

Gasturbinen reagieren besonders schnell

Reine Gasturbinen sind technisch einfacher und können innerhalb kurzer Zeit Leistung bereitstellen. Dafür nutzen sie den Brennstoff weniger effizient, weil die Abwärme nicht in einer Dampfturbine weiterverwendet wird. Ihr sinnvollster Einsatz liegt deshalb bei Spitzenlast, Netzengpässen und Reserveaufgaben, nicht im dauerhaften Volllastbetrieb.

Kraft-Wärme-Kopplung nutzt die Abwärme

Heizkraftwerke erzeugen gleichzeitig Strom und Wärme. Die Abwärme gelangt in ein Fernwärmenetz oder wird in industriellen Prozessen eingesetzt. So kann der Brennstoffausnutzungsgrad je nach Anlage und Wärmenachfrage bis zu rund 90 Prozent erreichen.

Das klingt zunächst sehr klimafreundlich, ist aber kein Freifahrtschein. Die hohe Ausnutzung senkt den Brennstoffverbrauch pro bereitgestellter Energieeinheit, beseitigt aber nicht die CO₂-Emissionen des Erdgases. Außerdem funktioniert KWK nur dann besonders gut, wenn auch tatsächlich ausreichend Wärme gebraucht wird.

Welche Aufgabe übernehmen Gaskraftwerke im Stromsystem?

Gaskraftwerke sind heute weniger klassische Grundlastanlagen als vielmehr flexible Ergänzung zu Wind- und Solarenergie. Sie springen ein, wenn erneuerbare Quellen kurzfristig wenig liefern, die Nachfrage steigt oder Leitungen regional überlastet sind.

Ein Beispiel ist eine kalte, windarme Winterwoche. Photovoltaikanlagen erzeugen dann nur wenig Strom, gleichzeitig laufen Wärmepumpen, Industrieanlagen und Beleuchtung auf hohem Niveau. Gasblöcke können in solchen Situationen zusätzliche Leistung liefern und nach einer Starkwindphase wieder herunterfahren.

Marktbetrieb und Reserve sind nicht dasselbe

Ein Kraftwerk im Marktbetrieb produziert, wenn sein Stromerlös die variablen Kosten deckt. Dazu gehören vor allem Gas- und CO₂-Kosten. Ist Gas teuer oder gibt es viel günstigen Wind- und Solarstrom, bleibt die Anlage möglicherweise ungenutzt.

In der Netzreserve wird ein Kraftwerk dagegen vorgehalten, um bei Engpässen oder kritischen Netzsituationen auf Anforderung der Übertragungsnetzbetreiber zu laufen. Es kann also systemisch wichtig sein, obwohl es nur wenige Betriebsstunden im normalen Markt erreicht.

Für die Jahre 2026/2027 rechnet die deutsche Netzplanung mit rund 28,1 GW Erdgasleistung in den untersuchten Marktkraftwerken. Für 2028/2029 steigt dieser Modellwert auf rund 29,3 GW. Dabei handelt es sich nicht um eine vollständige Bestandszahl und auch nicht automatisch um einen Neubauplan, sondern um eine Grundlage für die Analyse der Versorgungssicherheit.

Der eigentliche Engpass ist deshalb nicht allein die installierte Leistung. Entscheidend sind auch Gasverfügbarkeit, Brennstoffpreise, Netzanschluss, Wartungszustand und regionale Lage. Ein großes Kraftwerk im Norden hilft bei einem lokalen Engpass im Süden nicht immer ausreichend weiter.

Wie klimafreundlich ist Erdgas im Vergleich zu Kohle und Atomenergie?

Erdgas verbrennt pro erzeugter Energieeinheit mit weniger CO₂ als Stein- oder Braunkohle. Das Umweltbundesamt nennt für Erdgas in GuD-Anlagen einen Emissionsfaktor von 56.325 Kilogramm CO₂ pro Terajoule Brennstoffenergie. Für Steinkohle werden 94.116 und für Braunkohle mindestens 101.658 Kilogramm pro Terajoule angegeben.

Diese Werte zeigen einen deutlichen Vorteil gegenüber Kohle, sind aber keine Klimaneutralitätsbilanz. Hinzu kommen Emissionen bei Förderung, Aufbereitung und Transport. Besonders problematisch sind mögliche Methanverluste entlang der Lieferkette, denn Methan wirkt als Treibhausgas kurzfristig sehr viel stärker als CO₂.

Energieträger Stärke Problem
Erdgas Flexibel, relativ schnell regelbar, weniger CO₂ als Kohle Fossiler Brennstoff, Preis- und Importabhängigkeit, Methanemissionen
Steinkohle Große speicherbare Brennstoffmengen und lange Laufzeiten Hohe CO₂-Emissionen, geringe Flexibilität, schrittweiser Ausstieg
Braunkohle Heimischer Brennstoff und kontinuierliche Erzeugung Besonders hohe Emissionen und starke Eingriffe in Landschaft und Grundwasser
Atomenergie Hohe kontinuierliche Stromproduktion mit niedrigen direkten CO₂-Emissionen In Deutschland seit April 2023 keine laufende Stromerzeugung mehr, ungelöste Endlagerfrage

Atomkraftwerke gehören damit nicht mehr zum aktuellen deutschen Kraftwerksbetrieb. Die Debatte über eine mögliche Rückkehr zur Kernenergie ändert daran kurzfristig nichts, weil neue Anlagen lange Planungs- und Bauzeiten, hohe Investitionen und eigene Sicherheitsanforderungen hätten.

Ich halte Erdgas deshalb für eine Übergangstechnologie mit begrenztem politischen Nutzen. Es kann Kohle im Stromsystem verdrängen und Versorgungslücken überbrücken, darf aber nicht mit einer dauerhaften klimaneutralen Lösung verwechselt werden.

Welche Zukunft haben Gaskraftwerke in Deutschland?

Neue Anlagen werden zunehmend so geplant, dass sie später zumindest teilweise mit Wasserstoff betrieben werden können. Dafür braucht es geeignete Brenner, Leitungen, Speicher, Messsysteme und eine Materialauslegung für den jeweiligen Wasserstoffanteil. „Wasserstofffähig“ bedeutet allerdings nicht automatisch, dass eine Anlage ab dem ersten Betriebstag klimaneutral läuft.

In München-Süd wird 2026 eine neue GuD-Anlage schrittweise in Betrieb genommen. Sie soll gemeinsam mit Geothermie und einem Wärmespeicher Strom und Fernwärme flexibler bereitstellen. Das zeigt eine Entwicklung, die ich für sinnvoll halte: Gas wird nicht isoliert betrachtet, sondern mit Speichern, erneuerbarer Wärme und flexibler Fahrweise kombiniert.

Auch an anderen Standorten werden Kohleblöcke durch gasbasierte Anlagen ersetzt oder ergänzt. Für den Klimaschutz ist das nur dann überzeugend, wenn die neue Technik deutlich effizienter läuft, die Betriebsstunden begrenzt bleiben und später tatsächlich erneuerbarer Wasserstoff verfügbar ist.

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Die wichtigsten Bedingungen für einen sinnvollen Einsatz

  • Wenige Volllaststunden, wenn erneuerbarer Strom verfügbar ist.
  • Hoher Wirkungsgrad durch GuD-Technik oder Kraft-Wärme-Kopplung.
  • Verlässliche Gasversorgung ohne neue einseitige Importabhängigkeiten.
  • Klare Wasserstoffperspektive statt einer unbegrenzten Verlängerung des Erdgasbetriebs.
  • Ausbau von Netzen und Speichern, damit Gas nicht jede Schwankung allein ausgleichen muss.

Der häufigste Denkfehler besteht darin, installierte Gasleistung mit einem Freibrief für neue fossile Kraftwerke gleichzusetzen. Deutschland braucht gesicherte Leistung, aber diese kann langfristig aus mehreren Bausteinen kommen. Dazu zählen Speicher, flexible Nachfrage, europäischer Stromhandel, erneuerbare Kraft-Wärme-Kopplung und klimaneutrale Gase.

Was beim Blick auf deutsche Gaskraftwerke oft übersehen wird

Gaskraftwerke sind weder der große Gegner der Energiewende noch ihre fertige Lösung. Sie sind ein technisches Werkzeug für Übergangs- und Engpasssituationen, dessen Nutzen stark davon abhängt, wann, wie oft und mit welchem Brennstoff es eingesetzt wird.

Wer Standorte oder Leistungsdaten vergleichen möchte, sollte immer auf den Datenstand und den Status achten. „In Betrieb“ kann Marktbetrieb, Reservebetrieb, Probebetrieb oder eine gekoppelte Strom- und Wärmeerzeugung meinen. Erst diese Unterscheidung macht die Zahlen politisch und wirtschaftlich aussagekräftig.

Mein Fazit fällt deshalb nüchtern aus: Erdgas kann Kohle ersetzen und das Stromnetz stabilisieren, aber Deutschland erreicht seine Klimaziele nicht mit mehr fossilem Gas. Entscheidend ist, dass neue Anlagen flexibel bleiben, erneuerbare Energien ergänzen und möglichst schnell auf wirklich klimaverträgliche Brennstoffe oder andere Formen gesicherter Leistung umgestellt werden können.

Häufig gestellte Fragen

Zum November 2025 waren rund 35,3 GW installierte Erdgasleistung erfasst. 2025 erzeugten Erdgasanlagen 86,3 TWh Strom, entsprechend 17 Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung. Die Kraftwerksliste berücksichtigt vor allem Anlagen ab 10 MW elektrischer Nettonennleistung je Standort.

Ein GuD-Kraftwerk nutzt eine Gasturbine und zusätzlich eine Dampfturbine, die mit der Abwärme der Gasturbine betrieben wird. Dadurch sind elektrische Wirkungsgrade um 60 Prozent möglich. Reine Gasturbinen arbeiten weniger effizient, können dafür besonders schnell Leistung für Spitzenlast und Reserveaufgaben bereitstellen.

Sie können einspringen, wenn Wind- und Solarstrom wenig liefern, die Nachfrage steigt oder regionale Netzengpässe auftreten. In der Netzreserve werden Anlagen auch dann vorgehalten, wenn sie im normalen Markt nur wenige Betriebsstunden erreichen. Entscheidend sind neben der installierten Leistung auch Gasverfügbarkeit, Netzanschluss, Wartungszustand und die regionale Lage.

Erdgas verursacht weniger CO2 als Stein- und Braunkohle, bleibt aber ein fossiler Brennstoff und kann durch Methanverluste in der Lieferkette zusätzlich belastet werden. Neue Anlagen werden zunehmend für einen späteren Wasserstoffbetrieb vorbereitet. Wasserstofffähig bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Kraftwerk von Beginn an klimaneutral läuft.

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Mein Name ist Ivonne Schweizer, und ich bringe fünf Jahre Erfahrung im Bereich Umweltpolitik, Klimaschutz und nachhaltige Wirtschaft mit. Mein Interesse an diesen Themen entwickelte sich aus der Überzeugung, dass wir alle eine Verantwortung für unseren Planeten tragen. Ich schreibe leidenschaftlich über die Herausforderungen und Chancen, die sich in der nachhaltigen Entwicklung ergeben, und möchte meinen Lesern helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und praktikable Lösungen zu finden. In meinen Artikeln konzentriere ich mich darauf, aktuelle Trends und Entwicklungen zu analysieren, Informationen zu vergleichen und verständlich aufzubereiten. Mir ist es wichtig, dass meine Beiträge nicht nur informativ, sondern auch zugänglich sind, damit jeder die Möglichkeit hat, sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Dabei lege ich großen Wert auf die Genauigkeit meiner Quellen und darauf, stets aktuelle und relevante Informationen zu liefern.

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