Eine Windkraftanlage auf dem Land folgt anderen Regeln als ein großer Windpark in Nord- oder Ostsee. Ich vergleiche beide Konzepte anhand von Ertrag, Kosten, Netzanbindung, Umweltwirkungen und Akzeptanz und zeige, warum Deutschland für eine stabile Energiewende auf beide Formen angewiesen ist.
Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick
- Onshore-Anlagen stehen an Land, lassen sich meist schneller und günstiger errichten und sind regional verteilt.
- Offshore-Windparks nutzen stärkere und gleichmäßigere Winde auf dem Meer, benötigen aber aufwendige Fundamente, Spezialschiffe und Seekabel.
- Die Stromgestehungskosten liegen laut Fraunhofer ISE 2024 bei 4,3 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde an Land und bei 5,5 bis 10,3 Cent auf See.
- Offshore erreicht bis zu 4.500 Volllaststunden, während gute Onshore-Standorte etwa 3.200 Stunden erreichen können.
- Keines der beiden Modelle ist allein ausreichend. Onshore liefert Fläche und Flexibilität, Offshore große Strommengen mit hoher Auslastung.
Offshore und Onshore im Vergleich
Onshore-Windenergie bezeichnet Windkraftanlagen an Land. Sie stehen beispielsweise auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, in Wäldern oder auf ausgewiesenen Vorranggebieten. Die Fläche rund um den Mast bleibt meist weiter nutzbar, etwa für Landwirtschaft.
Bei Offshore-Windenergie werden die Anlagen im Meer verankert. In Deutschland betrifft das vor allem die Nord- und Ostsee. Dort weht der Wind häufig stärker und gleichmäßiger, gleichzeitig sind Bau, Wartung und Stromtransport deutlich anspruchsvoller.
| Kriterium | Windenergie an Land | Windenergie auf See |
|---|---|---|
| Standort | Festland, etwa Felder, Wälder und Küstenregionen | Nordsee und Ostsee |
| Windangebot | Stark abhängig von Gelände und regionaler Lage | Meist stärker und gleichmäßiger |
| Typische Auslastung | Etwa 1.800 bis 3.200 Volllaststunden | Bis zu etwa 4.500 Volllaststunden |
| Investition | Geringer, da Bau und Netzanschluss einfacher sind | Höher durch Fundamente, Schiffe, Seekabel und Wartung |
| Hauptkonflikte | Landschaftsbild, Schall, Schattenwurf, Arten- und Naturschutz | Meeresschutz, Schifffahrt, Fischerei und Unterwasserlärm |
| Stärke des Konzepts | Dezentraler Ausbau mit regionaler Wertschöpfung | Große Strommengen auf vergleichsweise kleiner Meeresfläche |
Ich halte die Frage „Land oder Meer?“ deshalb für etwas zu eng gestellt. Entscheidend ist, welche Aufgabe ein Standort im Energiesystem übernehmen soll. Ein windreicher Binnenstandort kann wirtschaftlich sinnvoller sein als ein schwacher Offshore-Standort, während ein großer Meereswindpark deutlich mehr Energie pro Anlage erzeugt.
Warum Offshore-Anlagen mehr Strom erzeugen können
Auf dem Meer gibt es weniger Hindernisse wie Gebäude, Wälder oder Hügel. Die Luftströmung wird dadurch weniger abgebremst und verwirbelt. Vor allem in der Nordsee herrschen oft über längere Zeiträume stabile Windgeschwindigkeiten, was die Stromproduktion planbarer macht.
Die wichtigste Kennzahl ist dabei nicht allein die Nennleistung, sondern die Volllaststundenzahl. Sie beschreibt vereinfacht, wie viele Stunden eine Anlage rechnerisch mit voller Leistung laufen müsste, um ihre Jahresproduktion zu erreichen. Ein Offshore-Windrad mit 15 Megawatt kann daher trotz gleicher Nennleistung deutlich mehr Strom erzeugen als eine Anlage an einem schwächeren Landstandort.
Nach den vorläufigen Volljahreszahlen für 2025 waren in Deutschland rund 68,1 Gigawatt Onshore-Leistung und etwa 9,5 Gigawatt Offshore-Leistung installiert. Die Bundesnetzagentur meldete für 2025 einen Zubau von 4,6 Gigawatt an Land und 0,3 Gigawatt auf See. Die Zahlen zeigen den entscheidenden Unterschied: Onshore wächst über viele einzelne Projekte, Offshore über wenige, aber sehr große Windparks.
Hohe Auslastung bedeutet nicht automatisch stetigen Strom
Auch Offshore-Windkraft liefert nicht rund um die Uhr gleich viel Energie. Flauten gibt es auf dem Meer ebenfalls, und bei sehr starkem Wind werden Anlagen aus Sicherheitsgründen teilweise abgeregelt. Außerdem können dicht beieinanderstehende Anlagen durch sogenannte Nachlaufeffekte den Wind für nachgelagerte Turbinen abschwächen.
Onshore hat dafür einen anderen Vorteil. Viele Anlagen verteilen sich über verschiedene Regionen. Wenn im Norden Flaute herrscht, kann im Süden oder Westen trotzdem Wind wehen. Eine breite geografische Verteilung reduziert damit das Risiko, dass eine einzelne Wetterlage die gesamte Erzeugung gleichzeitig trifft.
Was die beiden Varianten wirklich kosten
Die Stromgestehungskosten vergleichen die Ausgaben für Bau, Finanzierung, Betrieb und Rückbau über die Lebensdauer einer Anlage. Sie sind nicht mit dem Endkundenpreis auf der Stromrechnung gleichzusetzen, weil Netzentgelte, Steuern, Umlagen, Vertrieb und Börsenpreise zusätzlich wirken.
Für Deutschland kam das Fraunhofer ISE 2024 bei Onshore-Windenergie auf 4,3 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde. Offshore-Anlagen lagen bei 5,5 bis 10,3 Cent pro Kilowattstunde. Die große Bandbreite entsteht vor allem durch Windangebot, Anlagenpreise, Finanzierung, Meerestiefe und Entfernung zum Netzanschlusspunkt.
| Finanzielle Größe | Onshore | Offshore |
|---|---|---|
| Stromgestehungskosten 2024 | 4,3 bis 9,2 Cent/kWh | 5,5 bis 10,3 Cent/kWh |
| Spezifische Anlagenkosten | Etwa 1.300 bis 1.900 Euro/kW | Etwa 2.200 bis 3.400 Euro/kW inklusive Festlandanbindung |
| Wartung | Mit Fahrzeugen und Kränen vergleichsweise einfach | Abhängig von Schiffen, Wetterfenstern und Spezialpersonal |
| Netzanschluss | Meist kürzere Leitungen und einfachere Umspannwerke | Seekabel, Offshore-Plattformen und landseitige Verstärkung nötig |
Der Kostenvorteil an Land ist real, aber er hängt stark vom Standort ab. Eine moderne Anlage an einem windreichen Küstenstandort kann sehr günstig produzieren. In einer schwachen Binnenlage mit langen Genehmigungszeiten, schwieriger Erschließung und hohen Finanzierungskosten schrumpft dieser Vorteil deutlich.
Offshore-Projekte sind teurer, können die höheren Kosten aber teilweise durch mehr erzeugte Kilowattstunden pro Jahr ausgleichen. Sie liefern zudem häufig Strom zu Zeiten, in denen andere erneuerbare Anlagen wenig produzieren. Für Investoren bleibt das Modell dennoch risikoreicher, weil Wetter, Lieferketten, Bauverzögerungen und Finanzierungskosten stärker ins Gewicht fallen.
Welche Umweltwirkungen berücksichtigt werden müssen
Windenergie verursacht im Betrieb keine direkten CO2-Emissionen und benötigt keinen Brennstoff. Trotzdem ist keine Anlage ohne Eingriffe. Ich finde es deshalb wenig hilfreich, Windkraft pauschal als „umweltfreundlich“ zu bezeichnen, ohne zwischen Klimawirkung, Flächenverbrauch und Artenschutz zu unterscheiden.
Auswirkungen von Windkraft an Land
Onshore-Anlagen verändern das Landschaftsbild und können Anwohner durch Schall oder Schattenwurf belasten. Moderne Genehmigungen berücksichtigen deshalb unter anderem Abstände, Schallgrenzwerte, Schattenwurf und den Schutz von Vögeln und Fledermäusen.
Der eigentliche Flächenbedarf wird oft überschätzt. Für Fundament, Wege und Kranstellflächen wird dauerhaft nur ein Teil der Gesamtfläche versiegelt. Während der Bauphase ist der Eingriff größer, bei einem späteren Rückbau können viele Flächen wiederhergestellt werden. Repowering, also der Ersatz alter Anlagen durch leistungsstärkere Modelle, kann den Ertrag erhöhen, ohne völlig neue Standorte zu erschließen.
Auswirkungen von Windparks auf See
Offshore-Windparks liegen weiter von Wohngebieten entfernt und sind an Land meist weniger sichtbar. Dafür entstehen Konflikte im Meer. Besonders die Rammarbeiten für Fundamente können den Unterwasserschall stark erhöhen und Meeressäuger beeinträchtigen. Schutzmaßnahmen wie Schallschutz, Bauzeitfenster und alternative Gründungsverfahren sollen diese Belastung verringern.
Hinzu kommen mögliche Konflikte mit Schifffahrt, Fischerei, militärischer Nutzung und Seevögeln. Auch Seekabel sind nicht unsichtbar, weil für ihre Verlegung der Meeresboden geöffnet und später überwacht werden muss. Der ökologische Vorteil von Offshore liegt daher nicht darin, dass es dort keine Eingriffe gibt, sondern darin, dass andere Eingriffe an anderen Orten stattfinden und gezielt begrenzt werden müssen.
Welche Rolle spielt die Windkraft in Deutschland 2026
Deutschland verfolgt bei der Windenergie eine Doppelstrategie. Bis 2030 soll die installierte Leistung an Land auf 115 Gigawatt steigen. Für die Windenergie auf See gelten Ausbauziele von 30 Gigawatt bis 2030, 40 Gigawatt bis 2035 und 70 Gigawatt bis 2045.
Onshore ist für diese Ziele unverzichtbar, weil der Ausbau über viele Regionen verteilt werden kann. Neue Anlagen entstehen näher an Verbrauchszentren, Industriegebieten und regionalen Netzen. Das kann lange Transportwege verkürzen, setzt aber voraus, dass Länder und Kommunen geeignete Flächen ausweisen und Genehmigungen tatsächlich zügig bearbeiten.
Offshore übernimmt eher die Rolle eines großskaligen Erzeugers. Die Windparks in Nord- und Ostsee können große Mengen Strom bereitstellen, benötigen dafür aber leistungsfähige Verbindungen zum Festland. Ohne den parallelen Ausbau von Übertragungsnetzen, Speichern und flexiblen Verbrauchern führt zusätzliche Erzeugung nicht automatisch zu einer stabileren Stromversorgung.
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Was bei der Planung oft unterschätzt wird
- Netzanschluss: Ein Windpark ist erst dann volkswirtschaftlich nützlich, wenn sein Strom dorthin gelangt, wo er gebraucht wird.
- Akzeptanz: Finanzielle Beteiligung von Kommunen und transparente Planung können Konflikte reduzieren, aber nicht jeden Einwand lösen.
- Systemkosten: Speicher, Reservekapazitäten, Leitungen und Redispatch gehören zur Gesamtbetrachtung dazu.
- Rückbau: Verträge und Rückstellungen sollten schon bei der Genehmigung klären, wie Fundamente, Kabel und Anlagen später entfernt werden.
Wer nur die Kosten eines einzelnen Windrads vergleicht, greift deshalb zu kurz. Entscheidend ist, wie viel nutzbarer Strom an welchem Ort und zu welcher Zeit tatsächlich im Netz ankommt.
Die sinnvollste Windstrategie ist kein Entweder-oder
Für günstigen und schnellen Zubau spricht vieles für Onshore-Windenergie. Sie ist meist preiswerter, technisch leichter zugänglich und kann regional Wertschöpfung schaffen. Ihre Grenzen liegen bei verfügbaren Flächen, lokalen Konflikten und unterschiedlich starken Windbedingungen.
Offshore ist die teurere, aber ertragsstarke Ergänzung. Große Windparks auf See können die Stromproduktion erhöhen und das Erzeugungsprofil der Solarenergie sinnvoll ergänzen. Sie brauchen jedoch eine sorgfältige Meeresplanung, stabile Lieferketten und einen rechtzeitig bereitgestellten Netzanschluss.
Meine Einschätzung fällt deshalb klar aus: Deutschland braucht beide Formen der Windkraft. Die beste Entscheidung ist nicht die Wahl zwischen Land und Meer, sondern eine Planung, die Standortqualität, Umweltverträglichkeit, Netzausbau und regionale Akzeptanz gemeinsam bewertet. Genau dort entsteht eine erneuerbare Energieversorgung, die nicht nur möglichst viel Strom erzeugt, sondern auch dauerhaft tragfähig bleibt.