Das Strompreissystem wirkt technisch, entscheidet aber ganz konkret über Kosten, Investitionen und Klimawirkung. Das Merit-Order-Prinzip erklärt, warum im Strommarkt zuerst die günstigsten Anlagen laufen, warum am Ende oft das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis setzt und weshalb Wind und Solar den Großhandelspreis drücken können. Wer diese Logik versteht, kann Strompreise, Netzengpässe und energiewirtschaftliche Debatten deutlich sauberer einordnen.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- Im Day-Ahead-Markt bestimmt das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Einheitspreis.
- Wind- und Solarstrom haben sehr niedrige Grenzkosten und verschieben die Preisbildung nach unten.
- Netzengpässe machen das reale Stromsystem komplizierter als das einfache Marktmodell.
- Seit dem 30. September 2025 wird die Day-Ahead-Preisbildung in 15-Minuten-Intervallen abgebildet.
- Für Haushalte zählt nicht nur der Börsenpreis, sondern auch Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Vertrieb.

Wie die Einsatzreihenfolge den Börsenpreis festlegt
Ich trenne dabei bewusst zwischen der Reihenfolge der Kraftwerke und der eigentlichen Preisbildung. Im kurzfristigen Stromhandel werden die Gebote der Erzeuger nach Grenzkosten sortiert, also nach den Kosten, die für die nächste erzeugte Megawattstunde zusätzlich anfallen. Die billigsten Anlagen kommen zuerst zum Zug, bis die Nachfrage gedeckt ist. Das letzte noch benötigte Kraftwerk ist das Grenzkraftwerk und bestimmt den Preis für alle akzeptierten Mengen im selben Zeitfenster.
| Technologie | Typische Grenzkosten | Rolle in der Reihenfolge |
|---|---|---|
| Wind und Photovoltaik | sehr niedrig | drücken die Angebotskurve nach unten |
| Laufwasser und andere laufende Erneuerbare | niedrig | werden meist früh eingesetzt |
| Biomasse und flexible KWK | mittel | können je nach Brennstoff und Wärmebedarf mitlaufen |
| Kohle und Gas | höher | decken die Restlast, wenn die Nachfrage steigt |
Ein einfaches Beispiel macht das greifbar: Wenn 90 MWh Nachfrage auf 100 MWh Angebot treffen und die letzten 10 MWh von einem Gaskraftwerk kommen, setzt genau dieses Kraftwerk den Preis für die gesamte Menge. Die günstigeren Anlagen bekommen denselben Preis, obwohl ihre eigenen Kosten darunterliegen. Genau darin liegt die Logik des Einheitspreisverfahrens: nicht jede Anlage prägt den Preis, aber jede benötigte Anlage prägt die Reihenfolge. Genau daraus ergibt sich später auch der Effekt, den viele bei viel Wind- und Solarstrom beobachten.
Warum günstiger Wind- und Solarstrom den Preis drückt
Der Kern des Effekts ist nicht, dass erneuerbare Energien einfach „billig“ sind, sondern dass sie mit sehr niedrigen Grenzkosten die teureren Kraftwerke aus der Preisbildung verdrängen. Sinkt die Restlast, also der Teil der Nachfrage, der nach Abzug von Wind, Solar und anderen vorrangigen Anlagen noch gedeckt werden muss, rutscht das preisbestimmende Kraftwerk in der Kostenskala nach unten. Dann setzt nicht mehr das teure Spitzenlastkraftwerk den Preis, sondern oft ein deutlich günstigeres.
- Besonders stark ist dieser Effekt bei hoher Einspeisung von Wind und Solar und gleichzeitig moderater Nachfrage.
- Schwächer ist er an kalten Winterabenden oder in windarmen Dunkelflauten, wenn flexible Kraftwerke knapp werden.
- Für den Endkunden heißt das nicht automatisch sofort eine niedrigere Rechnung, weil der Börsenpreis nur ein Teil des Tarifs ist.
Ich sehe hier einen der häufigsten Denkfehler: Der Großhandelspreis wird oft mit dem Haushaltsstrompreis verwechselt. Das ist nicht dasselbe. Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Vertrieb und Beschaffung über Verträge bleiben eigenständige Bestandteile. Der Merit-Order-Effekt erklärt also vor allem die Preisbewegung am Markt, nicht jede einzelne Kilowattstunde auf der Endrechnung. Genau an dieser Stelle wird wichtig, was das Netz im Hintergrund macht.
Wo Netze und Redispatch die Theorie begrenzen
Die Bundesnetzagentur beschreibt Redispatch als Eingriffe in die Erzeugungsleistung, um Leitungsabschnitte vor Überlastung zu schützen. In der Praxis heißt das: Ein Kraftwerk wird gedrosselt, ein anderes hinter dem Engpass hochgefahren. Für den Markt ist das entscheidend, weil das Preissignal der Börse erhalten bleibt, obwohl die physische Stromführung im Hintergrund angepasst werden muss.
Für erneuerbare Anlagen gelten dabei besondere Regeln. Wenn die Abregelung von EE-Strom um den Faktor zehn wirksamer ist als die Drosselung konventioneller Erzeugung, darf sie bevorzugt werden; bei hocheffizienter KWK liegt der Faktor bei fünf. Die Folgen werden energetisch, bilanziell und finanziell ausgeglichen. Genau deshalb bleibt der Eingriff grundsätzlich marktneutral, auch wenn er den sichtbaren Kraftwerkseinsatz verändert.
- Die Preisbildung an der Börse und der physische Stromfluss sind nicht identisch.
- Netzengpässe können dazu führen, dass günstiger Strom nicht dort ankommt, wo er rechnerisch gebraucht würde.
- Netzausbau und Flexibilität sind deshalb keine Nebenthemen, sondern Teil derselben Marktlogik.
Deutschland handelt weiterhin in einer einheitlichen Preiszone. Das ist bequem für den Markt, aber es verdeckt regionale Engpässe nicht vollständig. Gerade in Nord-Süd-Richtung zeigt sich, dass ein stimmiges Marktmodell ohne leistungsfähige Netze nur die halbe Wahrheit ist. Seit Ende September 2025 ist die Preisbildung zudem zeitlich feiner geworden.
Was die Viertelstundenauktion für 2026 wichtiger macht
Seit dem 30. September 2025 werden die Day-Ahead-Preise in der EU nicht mehr nur stündlich, sondern in 15-Minuten-Intervallen berechnet. Die Europäische Kommission begründet den Schritt damit, dass sich Erzeugung und Nachfrage so genauer abbilden lassen. Ich halte das für konsequent, weil ein Stromsystem mit viel Wind, Solar und Speichertechnik auf Viertelstundenwerte besser reagiert als auf grobe Stundenblöcke.
- Ein Tag besteht damit aus 96 Preisfenstern statt aus 24 Stundenblöcken.
- Flexible Verbraucher wie Wärmepumpen, Kühlung und Ladeinfrastruktur können genauer auf Preissignale reagieren.
- Speicher und Intraday-Handel gewinnen an Bedeutung, weil kleine Prognosefehler schneller sichtbar werden.
Für träge konventionelle Anlagen bleibt das trotzdem eine Herausforderung, weil Mindestlaufzeiten, Anfahrkosten und technische Rampen nicht verschwinden. Die feinere Marktzeit ist also kein Zaubertrick, sondern eine bessere Annäherung an die Realität. Genau dadurch wird aber auch verständlicher, warum Unternehmen und Haushalte je nach Verbrauchsprofil sehr unterschiedlich profitieren.
Was Haushalte und Unternehmen daraus mitnehmen sollten
Die wichtigste Einordnung lautet: Der Großhandelspreis ist nicht der Endkundenpreis. Auf der Rechnung landen zusätzlich Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Messung, Vertrieb und Vertragskosten. Wer nur den Börsenpreis betrachtet, erklärt den Stromtarif deshalb nur zur Hälfte. Trotzdem ist die Richtung relevant, weil ein niedrigerer Beschaffungspreis Spielraum für stabilere Tarife schafft und Preisspitzen im Markt nicht folgenlos bleiben.
Für Haushalte ist der Nutzen meist indirekt. Unternehmen mit flexiblem Verbrauch können dagegen oft viel direkter profitieren, wenn sie Lasten verschieben oder Speicher einsetzen. Genau dort wird die Viertelstundenlogik praktisch, weil kleinere Zeitfenster mehr Spielraum für Steuerung und Optimierung geben. Wenn ich Strommarkt und Netze zusammen denke, sind für mich vor allem diese Punkte entscheidend:
- Lastverschiebung lohnt sich besonders bei Wärmepumpen, Kühlanlagen, Ladeinfrastruktur und industriellen Prozessen mit Taktung.
- Speicher sind am wertvollsten, wenn sie Preisunterschiede zwischen kurzen Intervallen ausnutzen können.
- Für die Energiewende zählt nicht nur mehr Erzeugung, sondern vor allem das Zusammenspiel von Erzeugung, Netz und Flexibilität.
Wer das sauber auseinanderhält, versteht auch besser, warum manche Strompreise fallen, ohne dass die Versorgung automatisch einfacher wird, und warum andere Preise steigen, obwohl genug Kraftwerksleistung vorhanden scheint. Genau diese Differenzierung macht die Debatte ehrlich und nützlich.
Worauf ich bei Strompreisdiskussionen zuerst schaue
Wenn ich Strompreise einordne, frage ich zuerst: Liegt das Problem in der Erzeugung, im Netz oder in der Flexibilität? Diese Frage verhindert viele schnelle, aber falsche Schlüsse. Ein hoher Preis kann aus Knappheit im Netz entstehen, ein niedriger Preis aus viel Wind und Sonne, ohne dass das System bereits ausreichend flexibel wäre.
Genau deshalb ist die Merit Order als Erklärmodell so nützlich: Sie zeigt die Marktlogik, aber sie ersetzt nicht die Betrachtung von Netzen, Speichern und Lastmanagement. Wer diese drei Ebenen zusammen denkt, versteht den Strommarkt deutlich besser und kann Debatten über Klimaschutz, Versorgungssicherheit und nachhaltige Wirtschaft sauberer einordnen.