Fritz Vahrenholts Energiewende-Kritik im Faktencheck

Vahrenholt, ein Vordenker der Energiewende, im Gespräch über die Zukunft.

Geschrieben von

Ivonne Schweizer

Veröffentlicht am

16. Okt. 2026

Inhaltsverzeichnis

Hohe Strompreise, Dunkelflauten und die Sorge um den Industriestandort Deutschland prägen die Debatte über Fritz Vahrenholts Energiewende-Kritik. Ich ordne seine wichtigsten Argumente ein, stelle ihnen aktuelle Strommarktdaten gegenüber und zeige, welche Einwände berechtigt sind, wo die Schlussfolgerungen zu weit gehen und welche Bedingungen für eine tragfähige grüne Wirtschaft tatsächlich zählen.

Die Debatte lässt sich nur mit Kosten, Versorgungssicherheit und Klimawirkung gemeinsam bewerten

  • Vahrenholts Kernthese lautet, dass der schnelle Ausstieg aus Kohle und Kernkraft die Stromversorgung verteuert und unsicherer macht.
  • 2025 stammten 58,8 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Windkraft und Photovoltaik.
  • Seine Kritik an Netzen, Speichern und Reservekraftwerken beschreibt reale Herausforderungen, beweist aber nicht automatisch ein Scheitern der Energiewende.
  • Kernkraft, CCS und Wasserstoff können einzelne Aufgaben übernehmen, lösen aber weder Kosten- noch Infrastrukturprobleme ohne Nebenwirkungen.
  • Die entscheidende Frage ist nicht erneuerbar gegen konventionell, sondern wie ein flexibles, bezahlbares und klimaverträgliches Gesamtsystem entsteht.

Wofür Fritz Vahrenholt in der Energiewende-Debatte steht

Fritz Vahrenholt verbindet seine Kritik an der deutschen Energiepolitik mit einer grundsätzlichen Warnung vor einem zu schnellen Umbau. Er argumentiert, Deutschland entferne sich von regelbarer und planbarer Stromerzeugung, während Wind und Sonne nicht jederzeit verfügbar seien. Besonders problematisch findet er den gleichzeitigen Ausstieg aus Kernenergie und Kohle, den Ausbau teurer Netze sowie die Hoffnung, Wasserstoff könne später alle Versorgungslücken schließen.

Zu seinem politischen Gegenentwurf gehören meist eine längere Nutzung bestehender Kraftwerke, eine offenere Debatte über Kernenergie, mehr fossile Reservekapazitäten und der Einsatz von CCS. Bei CCS wird Kohlendioxid aus Industrie- oder Kraftwerksabgasen abgeschieden und dauerhaft gespeichert. Diese Technik kann bei Zement oder bestimmten Industrieprozessen interessant sein, ist aber kein einfacher Freibrief für einen dauerhaften Weiterbetrieb fossiler Kraftwerke.

Seine Positionen zur Klimawissenschaft sind davon zu trennen. Vahrenholt hält den menschlichen Einfluss auf die Erwärmung für geringer, als es der wissenschaftliche Mainstream bewertet, und leitet daraus mehr Zeit für die Transformation ab. Der Weltklimarat IPCC kommt dagegen zu dem Schluss, dass die gegenwärtige globale Erwärmung nahezu vollständig durch menschliche Treibhausgasemissionen verursacht wird. Eine energiepolitische Kritik kann deshalb sinnvoll sein, auch wenn einzelne klimapolitische Begründungen wissenschaftlich umstritten oder widerlegt sind.

Welche Einwände gegen die Energiewende berechtigt sind

Ich halte es für falsch, jede Kritik an Wind- und Solarenergie als Rückschritt abzutun. Vahrenholt trifft einen wunden Punkt, wenn er auf die Systemkosten hinweist. Eine Kilowattstunde aus einer neuen Solaranlage ist nicht dasselbe wie eine jederzeit verfügbare Kilowattstunde beim Verbraucher. Zusätzlich braucht das System Leitungen, Speicher, flexible Nachfrage und Kraftwerke für Zeiten mit wenig Wind und Sonne.

Auch die sogenannte Dunkelflaute ist real. Gemeint sind mehrere Stunden oder Tage mit geringer Solar- und Windstromproduktion. In solchen Phasen müssen Speicher, Stromimporte, Biomasse, Wasserkraft oder flexible Kraftwerke einspringen. Die Herausforderung wird größer, wenn gleichzeitig Elektroautos, Wärmepumpen und industrielle Prozesse stärker elektrifiziert werden.

Ein weiterer berechtigter Punkt betrifft die regionale Verteilung. Windstrom entsteht häufig im Norden, während große industrielle Verbraucher im Westen und Süden sitzen. Fehlen Leitungen oder werden sie verspätet fertig, kann das zu Redispatch führen. Dabei greifen Netzbetreiber in die Fahrweise von Kraftwerken und Anlagen ein, um Überlastungen zu vermeiden. Diese Eingriffe kosten Geld und zeigen, dass Erzeugung und Netzausbau zusammen geplant werden müssen.

Argument Was daran stimmt Wo die Aussage zu kurz greift
Wind und Sonne schwanken Ihre Erzeugung folgt dem Wetter und nicht automatisch der Nachfrage. Ein Verbund aus Netzen, Speichern, Lastmanagement und Reservekraftwerken kann diese Schwankungen ausgleichen.
Die Energiewende verursacht zusätzliche Kosten Netze, Speicher und gesicherte Leistung müssen finanziert werden. Auch fossile und nukleare Systeme verursachen Brennstoff-, Sicherheits-, Umwelt- und Folgekosten.
Kernkraft liefert kontinuierlich Strom Ein laufendes Kernkraftwerk kann zuverlässig Grundlast bereitstellen. Neubauten dauern lange, sind kapitalintensiv und lösen die kurzfristigen deutschen Netzprobleme kaum.
Wasserstoff ist teuer Herstellung, Transport und Rückverstromung haben hohe Wirkungsgradverluste. Für Stahl, Chemie oder Schifffahrt kann Wasserstoff trotzdem schwer ersetzbare Anwendungen haben.

Die entscheidende Einschränkung lautet für mich deshalb: Reale Probleme sind nicht automatisch Beweise für ein gescheitertes Gesamtkonzept. Sie zeigen vielmehr, dass der Ausbau von Erzeugung, Netzen, Speichern und flexiblen Verbrauchern nicht getrennt voneinander behandelt werden darf.

Was die aktuellen Daten über den deutschen Strommix zeigen

Nach Angaben der Bundesnetzagentur wurden 2025 in Deutschland rund 437,6 Terawattstunden Strom erzeugt. Davon entfielen 257,5 Terawattstunden auf erneuerbare Energieträger, also 58,8 Prozent. Windkraft an Land lieferte 106,5 Terawattstunden, Photovoltaik 74,1 Terawattstunden, Offshore-Wind 26,1 Terawattstunden und Biomasse 36,0 Terawattstunden.

Diese Zahlen widerlegen die Behauptung, erneuerbare Energien würden praktisch keinen relevanten Beitrag leisten. Sie widerlegen aber auch nicht Vahrenholts Hinweis, dass mehr als die Hälfte erneuerbarer Stromerzeugung noch keine klimaneutrale Gesamtenergieversorgung bedeutet. Verkehr, Raumwärme und Industrie verbrauchen weiterhin große Mengen fossiler Energien. Außerdem sagt der Jahresanteil nichts darüber aus, wie sicher die Versorgung in einer windarmen Winterwoche ist.

Die Entwicklung zeigt zugleich, dass der Ausbau technisch vorankommt. Ende 2025 lag die installierte Leistung erneuerbarer Anlagen nach ersten Angaben der Bundesnetzagentur bei knapp 210 Gigawatt. Davon entfielen rund 117 Gigawatt auf Photovoltaik und 68,1 Gigawatt auf Windenergie an Land. Installierte Leistung und tatsächliche Strommenge dürfen jedoch nicht verwechselt werden. Eine Solaranlage mit hoher Nennleistung produziert nachts keinen Strom, ein Windpark arbeitet je nach Wetter unterschiedlich stark.

Bei den Strompreisen muss ich ebenfalls genau unterscheiden. Der Börsenpreis kann bei starkem Wind oder hoher Solarproduktion sinken und zeitweise sogar negativ werden. Haushalte zahlen trotzdem Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Vertriebskosten und Mehrwertsteuer. Umgekehrt können hohe Gaspreise den gesamten Börsenpreis nach oben ziehen, weil Gaskraftwerke im sogenannten Merit-Order-System häufig das letzte und damit preisbestimmende Kraftwerk sind. Die Energiewende beeinflusst die Kostenstruktur, ist aber nicht für jede Preisbewegung allein verantwortlich.

Sind Kernkraft, CCS und Wasserstoff realistische Alternativen

Vahrenholts Ruf nach Kernkraft besitzt einen nachvollziehbaren Ausgangspunkt. Kernkraftwerke liefern unabhängig vom Wetter und verursachen im Betrieb nur geringe direkte CO2-Emissionen. Für Deutschland ist die Rückkehr jedoch keine kurzfristige Reparaturmaßnahme. Die letzten drei Reaktoren wurden im April 2023 abgeschaltet, Rückbau und Genehmigungsfragen laufen, Fachpersonal muss ersetzt werden und neue Anlagen würden viele Jahre Planung und Bau benötigen.

Hinzu kommen hohe Anfangsinvestitionen und die ungelöste Endlagerfrage. Ein Neubau kann in einem europäischen Energiesystem sinnvoll diskutiert werden, aber er konkurriert mit Maßnahmen, die schneller Wirkung entfalten. Für die Versorgungssicherheit der nächsten fünf bis zehn Jahre sind Netze, Speicher, Effizienz und flexible Kraftwerke wichtiger als ein hypothetischer Reaktor in ferner Zukunft.

CCS sehe ich differenzierter. Bei Zement, Kalk oder bestimmten chemischen Prozessen entstehen Emissionen, die sich nicht allein durch erneuerbaren Strom vermeiden lassen. Dort kann CO2-Abscheidung ein nützliches Werkzeug sein. Bei Kohlekraftwerken würde sie dagegen zusätzlichen Energiebedarf, Infrastruktur und langfristige Speicherverantwortung schaffen. Sie sollte deshalb gezielt für schwer vermeidbare Industrieemissionen eingesetzt werden, nicht als Begründung für eine unbegrenzte fossile Stromerzeugung.

Wasserstoff ist ebenfalls weder Wundermittel noch nutzlos. Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse mit erneuerbarem Strom hergestellt. Bei der späteren Rückverstromung geht ein großer Teil der ursprünglichen Energie verloren. Für direkte Anwendungen wie Wärmepumpen oder batterieelektrische Fahrzeuge ist er meist zu ineffizient, für Stahl, Ammoniak und bestimmte Hochtemperaturprozesse kann er dagegen unverzichtbar sein. Die beste Strategie ist daher, Wasserstoff dort einzusetzen, wo direkte Elektrifizierung nicht sinnvoll funktioniert.

Wie eine belastbare Energiewende wirtschaftlich funktionieren kann

Die grüne Wirtschaft braucht keine Schönfärberei. Unternehmen investieren nur, wenn Strompreise, Netzzugang und politische Regeln über Jahre halbwegs kalkulierbar bleiben. Eine Energiewende, die gleichzeitig hohe Abgaben, langsame Genehmigungen und unklare Förderbedingungen erzeugt, verliert Akzeptanz, selbst wenn ihre Klimaziele richtig gesetzt sind.

Aus meiner Sicht liegen die wichtigsten Hebel in einer anderen Reihenfolge, als es viele politische Debatten vermuten lassen. Zuerst müssen Netze und Genehmigungen schneller werden. Danach braucht es mehr Flexibilität auf der Verbrauchsseite. Industrielle Anlagen, Wärmepumpen, Ladepunkte und Batteriespeicher sollten ihren Verbrauch stärker an günstige Stromzeiten anpassen können.

  • Netzausbau beschleunigen, besonders zwischen windreichen Regionen und industriellen Zentren.
  • Speicher sinnvoll einsetzen, wobei Batterien für Stunden und andere Speicher für längere Zeiträume unterschiedliche Aufgaben übernehmen.
  • Reservekraftwerke ausschreiben, die selten laufen, aber in Engpasszeiten zuverlässig verfügbar sind.
  • Stromtarife flexibilisieren, damit Haushalte und Unternehmen von niedrigen Börsenpreisen profitieren können.
  • Energieeffizienz fördern, weil jede eingesparte Kilowattstunde Erzeugungs- und Netzausbau reduziert.
  • Industrie entlasten, ohne Kosten dauerhaft nur in den Bundeshaushalt zu verschieben.

Ein häufiger Fehler besteht darin, nur die Erzeugungskosten einzelner Technologien zu vergleichen. Für eine faire Bewertung müssen auch Netz, Speicher, Reserve, Finanzierung und CO2-Folgekosten berücksichtigt werden. Genau an dieser Stelle ist Vahrenholts Kritik nützlich, sofern sie nicht in die pauschale Behauptung kippt, erneuerbare Energien seien grundsätzlich untauglich.

Was von Vahrenholts Kritik dauerhaft wichtig bleibt

Die stärkste Seite dieser Debatte ist der Realitätscheck. Windräder und Solaranlagen allein bilden noch kein vollständiges Stromsystem. Wer den Ausbau fordert, muss ebenso über Leitungen, Regelenergie, Speicher, Flächen, Akzeptanz und bezahlbare Netzentgelte sprechen. Klimaschutz wird erst dann dauerhaft tragfähig, wenn er auch wirtschaftlich und sozial funktioniert.

Die schwächste Seite liegt in der Verallgemeinerung. Aus Problemen bei Netzen, Preisen oder Dunkelflauten folgt nicht automatisch, dass Kohle und Kernkraft die bessere Zukunft darstellen. Ein Teil dieser Technologien kann als Übergangs- oder Ergänzungslösung eine Rolle spielen, doch auch sie haben Kosten, Risiken und lange Vorlaufzeiten.

Wer die Energiewende fundiert beurteilen will, sollte deshalb drei Fragen getrennt beantworten. Senkt eine Maßnahme tatsächlich Emissionen? Liefert sie zu vertretbaren Systemkosten verlässlich Energie? Und kann sie in dem Zeitraum umgesetzt werden, in dem sie gebraucht wird? Erst diese Kombination verhindert sowohl naive Fortschrittsrhetorik als auch überzogene Untergangsszenarien.

Dieser Artikel dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Das Material wurde mit Unterstützung moderner Analyse- und Sprachwerkzeuge (KI) erstellt. Konsultieren Sie vor einer Entscheidung einen Experten.

Häufig gestellte Fragen

Wind- und Solarstrom schwanken, weshalb Netze, Speicher, flexible Nachfrage und Reservekraftwerke erforderlich sind. Auch Dunkelflauten und regionale Engpässe können Redispatch verursachen und zusätzliche Systemkosten auslösen.

2025 stammten 58,8 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Von insgesamt rund 437,6 Terawattstunden entfielen 257,5 Terawattstunden auf erneuerbare Quellen, darunter 106,5 Terawattstunden aus Windkraft an Land und 74,1 Terawattstunden aus Photovoltaik.

Neue Kernkraftwerke würden viele Jahre Planung und Bau, hohe Anfangsinvestitionen und neues Fachpersonal erfordern. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre können Netze, Speicher, Effizienz und flexible Kraftwerke schneller zur Versorgungssicherheit beitragen.

Wasserstoff ist wegen der Verluste bei Herstellung, Transport und Rückverstromung meist weniger effizient als direkte Stromnutzung. Für Stahl, Ammoniak und bestimmte Hochtemperaturprozesse kann er jedoch schwer ersetzbar sein, während Wärmepumpen und batterieelektrische Fahrzeuge meist effizienter direkt mit Strom betrieben werden.

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Ivonne Schweizer

Ivonne Schweizer

Mein Name ist Ivonne Schweizer, und ich bringe fünf Jahre Erfahrung im Bereich Umweltpolitik, Klimaschutz und nachhaltige Wirtschaft mit. Mein Interesse an diesen Themen entwickelte sich aus der Überzeugung, dass wir alle eine Verantwortung für unseren Planeten tragen. Ich schreibe leidenschaftlich über die Herausforderungen und Chancen, die sich in der nachhaltigen Entwicklung ergeben, und möchte meinen Lesern helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und praktikable Lösungen zu finden. In meinen Artikeln konzentriere ich mich darauf, aktuelle Trends und Entwicklungen zu analysieren, Informationen zu vergleichen und verständlich aufzubereiten. Mir ist es wichtig, dass meine Beiträge nicht nur informativ, sondern auch zugänglich sind, damit jeder die Möglichkeit hat, sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Dabei lege ich großen Wert auf die Genauigkeit meiner Quellen und darauf, stets aktuelle und relevante Informationen zu liefern.

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